Podcast über Sportverletzungen, Rehabilitation und Trainingslehre
Sportverletzungen, Rehabilitation & Trainingslehre: Dein Guide
Podcast
Akromioklavikulargelenk: Tossy, Rockwood und der Weg zurück zum Sport
Délka: 25 minut
Kapitoly
Das Klaviertastenphänomen
Klassifikation nach Tossy und Rockwood
OP oder nicht OP?
Zurück zum Sport
Der Line Hop Test
Stabilität im CKCUEST Test
Kraftausdauer mit dem YMCA Bench Test
Die Superkraft der Steifigkeit
Jumper's Knee und die Risiken
Der Schmerz sitzt auch im Kopf
Training, das Sehnen heilt
Der Weg zurück zum Sport
Die fünf Phasen der Genesung
Beispiel: Die Werferschulter
Messen statt Raten
Die Kraft der Kette
Vom Plan zum Training
Was ist FOOSH?
Typische Verletzungen
Der heimliche Saboteur
Přepis
Clara: ...und das nennt man dann wirklich 'Klaviertastenphänomen'? Das ist ja genial!
Felix: Absolut! Du drückst auf das Schlüsselbein, es geht runter, und wenn du loslässt, federt es wieder hoch. Genau wie eine Klaviertaste. Ein super anschaulicher Begriff für eine ziemlich üble Verletzung.
Clara: Okay, ich bin jetzt schon fasziniert. Damit heiße ich euch auch schon willkommen, ihr hört den Studyfi Podcast. Felix, lass uns das mal für alle aufdröseln. Wir sprechen über das Akromioklavikulargelenk, kurz AC-Gelenk.
Felix: Genau. Das ist die Verbindung zwischen dem Schulterdach, also dem Akromion, und dem Schlüsselbein, der Klavikula. Und wenn die Bänder dort verletzt werden, wird's kompliziert – und in Klassifikationen eingeteilt.
Clara: Ah, die berühmten Klassifikationen. Fangen wir mal mit der einfacheren an. Tossy, richtig?
Felix: Richtig. Tossy ist der Klassiker. Bei Tossy I ist nur das Ligamentum acromioclaviculare gezerrt. Bei Tossy II reißt dieses Band, und das Gelenk ist leicht verschoben, eine Subluxation. Hier taucht schon unser Klaviertastenphänomen auf.
Clara: Und bei Tossy III ist dann alles gerissen?
Felix: Exakt. Beide wichtigen Bänder, das acromioclaviculare und das coracoclaviculare, sind durch. Das Gelenk ist komplett luxiert, also ausgerenkt, und das Klaviertastenphänomen ist deutlich positiv.
Clara: Aber es gibt ja noch eine detailliertere Einteilung – Rockwood.
Felix: Genau. Rockwood verfeinert das Ganze. Typ I bis III sind im Prinzip identisch mit Tossy. Aber Rockwood fügt noch Typ IV bis VI hinzu. Und die beschreiben dann, wohin das Schlüsselbein luxiert.
Clara: Zum Beispiel?
Felix: Bei Typ IV springt es nach hinten, bei Typ V extrem weit nach oben – der Abstand vergrößert sich um über 100 Prozent. Und Typ VI ist ganz übel, da luxiert die Klavikula nach unten, unter das Akromion.
Clara: Das klingt alles schmerzhaft. Die große Frage für die Prüfung ist ja immer: Wann wird operiert und wann konservativ behandelt?
Felix: Die Faustregel war lange: Ab Tossy beziehungsweise Rockwood III wird eine OP empfohlen. Aber... da hat sich in der Forschung einiges getan.
Clara: Oh, was denn?
Felix: Es gibt eine große Meta-Analyse, die gezeigt hat, dass es bei Typ-III-Verletzungen kaum einen Unterschied bei Schmerz und Funktion gibt, egal ob operiert oder nicht.
Clara: Wirklich? Das ist ja eine wichtige Info!
Felix: Absolut! Mehr noch: Die konservativ behandelten Patienten waren deutlich schneller wieder arbeitsfähig oder zurück im Sport. Und die OP-Gruppe hatte sogar eine höhere Komplikationsrate. Das stellt die alten Lehrmeinungen ziemlich auf den Kopf.
Clara: Das ist super relevant! Wenn man sich also für die konservative Therapie entscheidet, wie sieht dann die Reha aus? Wie testet man, ob jemand wieder fit ist?
Felix: Da gibt es klare Kriterien, sogenannte Return-to-Sport-Tests. Man schaut sich Kraftverhältnisse an, die Beweglichkeit und die Stabilität. Ein cooler Test ist zum Beispiel der 'Wall Hop Test'.
Clara: Wall Hop? Klingt lustig.
Felix: Ist es auch, aber anstrengend. Der Patient steht mit etwas Abstand vor einer Wand und muss innerhalb von 30 Sekunden so oft wie möglich mit einer Hand zwischen zwei Markierungen hin- und herspringen.
Clara: Und was testet das?
Felix: Das testet die dynamische Stabilität und die Stoßdämpferfunktion des gesamten Armes, also auch des AC-Gelenks. Super wichtig, bevor jemand wieder Kontaktsport macht.
Clara: Verstehe. Also nicht nur die reine Kraft, sondern die Fähigkeit, Stöße abzufangen. Ein super praktischer Einblick. Und von da aus geht's dann weiter zum nächsten Thema...
Clara: Okay, Felix, das war jetzt viel Theorie zur Stabilität. Aber wie finden wir in der Praxis heraus, ob eine Schulter wirklich... naja, stabil genug für den Sport ist? Gibt's da spezielle Tests?
Felix: Absolut! Und die sind super wichtig für die Return-to-Sport-Entscheidung. Ein Klassiker, den wir uns ansehen können, ist zum Beispiel der Line Hop Test.
Clara: Line Hop Test? Das klingt... hüpfig.
Felix: Ist es auch! Aber extrem aufschlussreich. Das ist ein dynamischer Test, mit dem wir die funktionelle Kraft der oberen Extremität prüfen, speziell bei Stoßbewegungen.
Clara: Wie sieht der Aufbau aus? Braucht man da viel Equipment für?
Felix: Gar nicht. Nur ein etwa 3 cm breites Klebeband am Boden. Der Patient geht in den einarmigen Stütz im Kniestand, Hüfte gestreckt. Eine Hand stützt, die andere ist auf dem Rücken.
Clara: Und dann wird einfach gehüpft?
Felix: Genau! Der Patient hüpft so schnell wie möglich fünfmal mit der stützenden Hand über die Linie hin und her. Wir stoppen die Zeit und vergleichen sie mit einem Baseline-Wert oder der anderen Seite.
Clara: Klingt simpel, aber ich wette, da steckt ordentlich Kraft dahinter.
Felix: Oh ja! Hier kommt der überraschende Teil: Dieser kleine Hüpfer erzeugt eine nach hinten gerichtete Kraft von fast viereinhalb Newton pro Kilogramm Körpergewicht. Und der Serratus anterior, unser Sägezahnmuskel, arbeitet dabei mit über 100% seiner Maximalkraft!
Clara: Wow! Das ist fast die Hälfte des eigenen Körpergewichts, die da auf die Schulter wirkt. Verrückt!
Felix: Genau. Und wenn wir die allgemeine Stützfähigkeit noch genauer unter die Lupe nehmen wollen, kommt der CKCUEST ins Spiel.
Clara: CKC-was?
Felix: Closed Kinetic Chain Upper Extremity Stability Test. Sagen wir einfach CKCUEST, das ist deutlich einfacher auszusprechen.
Clara: CKCUEST, verstanden! Wie funktioniert der?
Felix: Stell dir eine Liegestützposition vor. Die Hände sind auf zwei Klebestreifen, die 90 Zentimeter voneinander entfernt sind.
Clara: Okay, hab's vor Augen.
Felix: Die Aufgabe ist dann, in 15 Sekunden so oft wie möglich mit einer Hand den Handrücken der anderen zu berühren. Das Ganze machen wir dreimal, mit 45 Sekunden Pause dazwischen. Der Mittelwert der Berührungen ist dann der Score.
Clara: Das klingt super anstrengend. Gibt es da einen Richtwert, den man erreichen sollte?
Felix: Ja, und der ist wirklich wichtig. Der Schlüssel-Takeaway hier ist: Ein Score von 21 oder weniger Berührungen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Schulterverletzung deutlich.
Clara: Das ist also eine echte rote Flagge. Und die Werte unterscheiden sich sicher wieder, oder?
Felix: Richtig. Es gibt Tabellen mit Durchschnittswerten für Männer, Frauen, verschiedene Altersgruppen und Sportarten wie Handball. Das hilft uns, die Leistung sehr genau einzuordnen.
Clara: Okay, diese beiden Tests fokussieren sich stark auf dynamische Stabilität und Schnelligkeit. Was ist mit der Kraftausdauer?
Felix: Eine super wichtige Frage! Dafür nutzen wir oft den YMCA Bench Press Test. Er prüft, wie ermüdungsresistent die Muskulatur bei Stoßbewegungen ist.
Clara: Also im Grunde klassisches Bankdrücken?
Felix: Fast. Aber es ist extrem standardisiert. Frauen nutzen eine Hantel mit insgesamt 16 Kilo, Männer eine mit 36 Kilo. Und jetzt kommt der Clou...
Clara: Ich bin gespannt.
Felix: Die gesamte Bewegung wird von einem Metronom vorgegeben, das auf 60 Schläge pro Minute eingestellt ist. Klick – Hantel runter zur Brust. Klick – Hantel wieder hochstrecken.
Clara: Puh, das erfordert ja totale Kontrolle und Rhythmusgefühl. Was passiert, wenn man aus dem Takt kommt?
Felix: Wenn man den Rhythmus zweimal verpasst, ist der Test beendet. Die Anzahl der korrekten Wiederholungen ist dann dein Score. Das testet wirklich, wie lange du eine saubere Leistung aufrechterhalten kannst.
Clara: Faszinierend. Also haben wir den Line Hop für die dynamische Stoßkraft, den CKCUEST für die Stabilität und den YMCA Test für die Ausdauer. Das ergibt ein ziemlich komplettes Bild.
Felix: Genau das ist das Ziel. Und wenn wir diese Werte haben, können wir ein extrem gezieltes Trainingsprogramm aufbauen. Das bringt uns direkt zum nächsten Punkt: Wie sieht so ein Trainingsplan konkret aus, von der Akutphase bis zurück zum Wettkampf?
Clara: Okay, das mit der Muskelkontraktion ist klar. Aber der Muskel arbeitet ja nie allein, oder? Da hängt doch noch was dran.
Felix: Genau, Clara! Und das ist der entscheidende Punkt. Wir müssen immer über die Muskel-Sehnen-Einheit nachdenken. Stell dir den Muskel als den Motor vor und die Sehne als das Getriebe, das die Kraft auf die Straße... also den Knochen... überträgt.
Clara: Ein Getriebe, okay, das Bild gefällt mir. Aber es ist doch mehr als nur ein passives Seil, oder?
Felix: Viel mehr! Sehnen sind faszinierend. Sie speichern und geben elastische Energie frei. Wie ein Gummiband. Das macht uns effizient beim Laufen und Springen. Der wichtigste Leitsatz, den man sich merken muss, ist: Die Sehne braucht Zug!
Clara: Zug... das klingt erstmal gut. Aber man hört oft, dass Sehnenprobleme durch „Überlastung“ entstehen. Wie passt das zusammen?
Felix: Das ist die feine Balance. Aber lass uns zuerst über eine wichtige Eigenschaft sprechen: die Steifigkeit der Sehne.
Clara: Steifigkeit klingt für mich erstmal negativ. So wie unbeweglich oder spröde.
Felix: Guter Punkt! Aber in der Biomechanik ist Steifigkeit eine Superkraft. Es bedeutet Widerstandsfähigkeit gegen Verformung. Eine steife Sehne dehnt sich unter Last nur minimal und kann so die Muskelkraft extrem effizient auf den Knochen übertragen. Denk an ein straff gespanntes Trampolin versus ein schlaffes Netz.
Clara: Ah, okay! Auf dem straffen Netz springt man viel höher. Die Energie geht nicht verloren.
Felix: Exakt! Und genau das ist für Sportler entscheidend. Ohne diese Steifigkeit könnten wir keine schnellen, explosiven Bewegungen ausführen.
Clara: Verstehe. Aber was passiert, wenn dieser Zug zu viel wird oder falsch dosiert ist? Ich denke da an so klassische Sachen wie das „Jumper’s Knee“.
Felix: Du sprichst von Tendinopathien, also schmerzhaften Sehnenveränderungen. Das Jumper's Knee, eine Patellasehnen-Tendinopathie, ist ein Paradebeispiel. Wusstest du, dass bis zu 45 Prozent der Volleyballer und 32 Prozent der Basketballer davon betroffen sind?
Clara: Wow, das sind ja riesige Zahlen! Was sind denn da die Risikofaktoren? Einfach nur zu viel springen?
Felix: Das ist ein großer Teil. Aber auch die Genetik, das Geschlecht – Männer sind häufiger betroffen – und sogar die Körpergröße spielen eine Rolle. Aber der Kern ist immer wieder eine nicht angepasste Belastung. Die Sehne wurde überfordert und hatte keine Zeit zur positiven Anpassung.
Clara: Und dann tut's weh. Logisch. Aber der Schmerz ist doch einfach nur im Knie, oder?
Felix: Hier wird's richtig spannend. Studien, zum Beispiel von Rio und Kollegen, zeigen, dass bei Athleten mit Tendinopathie das Gehirn eingreift. Es gibt eine erhöhte kortikale Hemmung.
Clara: Kortikale... was? Kannst du das übersetzen?
Felix: Klar. Stell dir vor, dein Gehirn dreht den Lautstärkeregler für den Oberschenkelmuskel runter. Es hemmt die Ansteuerung, um die schmerzhafte Sehne zu schützen. Der Schmerz ist also nicht nur ein lokales Problem im Gewebe, sondern auch eine veränderte Ansteuerung durch das Nervensystem.
Clara: Das ist ja verrückt! Das heißt, die Behandlung muss auch das Gehirn wieder „umprogrammieren“?
Felix: Ganz genau! Wir müssen dem Nervensystem zeigen, dass Belastung sicher und gut ist. Und das machen wir mit ganz spezifischem Training.
Clara: Und wie sieht das aus? Einfach weniger springen und hoffen, dass es besser wird?
Felix: Bloß nicht! Denk dran: Die Sehne braucht Zug! Eine der effektivsten Methoden am Anfang ist isometrisches Training. Also Anspannen des Muskels, ohne dass eine Bewegung stattfindet. Das kann Schmerzen schnell reduzieren.
Clara: Okay, also zum Beispiel an einer Beinstreckermaschine ein Gewicht halten, ohne es zu bewegen?
Felix: Perfekt. Und der nächste Schritt ist dann oft das sogenannte „Heavy Slow Resistance Training“, kurz HSRT.
Clara: Schweres, langsames Krafttraining. Klingt logisch.
Felix: Ja, aber das „langsam“ ist entscheidend. Wir arbeiten mit einer hohen „Time under Tension“, also langer Belastungsdauer. Eine typische Kadenz wäre: vier Sekunden runter, zwei Sekunden halten, vier Sekunden hoch, zwei Sekunden halten. Das gibt der Sehne den Reiz, den sie braucht, um Kollagen zu bilden und wieder stärker und steifer zu werden.
Clara: Also Geduld ist gefragt. Langsam und kontrolliert statt schnell und explosiv.
Felix: Genau. So bauen wir die Sehne wieder auf und überzeugen das Gehirn, den Lautstärkeregler wieder voll aufzudrehen. Und von da aus können wir dann wieder zu den explosiven Bewegungen übergehen, aber das ist ein Thema für sich...
Clara: Das ist also der Grund, warum eine Verletzung nicht einfach bedeutet, eine Weile auszusetzen und dann wieder loszulegen.
Felix: Genau, Clara! Und das führt uns perfekt zum nächsten Punkt: dem systematischen Weg zurück. Es gibt da nämlich einen richtigen Fahrplan. Man nennt das den „Return To Sport Algorithmus“.
Clara: Ein Algorithmus? Das klingt sehr nach Computer und Nullen und Einsen.
Felix: Ein bisschen, ja! Aber denk es dir eher wie ein Navigationssystem. Es führt dich Schritt für Schritt von der Verletzung zurück zur vollen Wettkampfleistung. Ohne Raten, sondern basierend auf Daten.
Clara: Okay, das klingt schon viel besser als einfach nur abzuwarten. Wo fängt diese Reise an?
Felix: Die Reise beginnt mit einer klaren Struktur. Es geht darum, den Athleten durch verschiedene Phasen zu lotsen, von ganz einfachen Alltagsbewegungen bis hin zur vollen Wettkampfbelastung.
Clara: Und wie sehen diese Phasen konkret aus? Kannst du uns da mal durchführen?
Felix: Aber klar. Es gibt im Grunde fünf große Meilensteine. Phase eins ist die Wiederherstellung der grundlegenden Belastungsfähigkeit. Kann das Gewebe überhaupt wieder Stress aushalten?
Clara: Also quasi die Erlaubnis, wieder normal im Alltag zu funktionieren?
Felix: Exakt. Das nennen wir auch „Return to Activity“. Danach kommt Phase zwei: die Trainingsfähigkeit. Hier geht es darum, wieder ins allgemeine Training einzusteigen.
Clara: Also zurück ins Fitnessstudio, aber noch nicht unbedingt auf den Sportplatz?
Felix: Genau. Phase drei ist dann die Leistungsfähigkeit. Das ist der „Return to Sport“. Man trainiert wieder sportartspezifisch, aber vielleicht noch mit geringerer Intensität.
Clara: Ah, und dann wird's ernst, oder?
Felix: Dann wird's ernst! Phase vier ist die Wettkampffähigkeit – der „Return to Competition“. Du bist bereit, wieder an Wettkämpfen teilzunehmen. Und die letzte Stufe, Phase fünf, ist die Wettkampfsstabilität. Du kannst diese Leistung auch über längere Zeit konstant abrufen.
Clara: Das ist ein super klares Modell! Lass uns das mal an einem Beispiel festmachen. Was ist mit Überkopfsportlern? Also Handballer, Volleyballerinnen, Werfer… die haben ja oft Schulterprobleme.
Felix: Perfektes Beispiel. Statistisch gesehen entwickelt jeder dritte Überkopfsportler im Laufe seiner Karriere Schulterprobleme. Das ist eine riesige Zahl.
Clara: Wow! Woran liegt das? Gibt es da bekannte Risikofaktoren?
Felix: Ja, die gibt es. Oft sehen wir ein GIRD, das ist ein Glenohumerales Innenrotationsdefizit, eine Skapuladyskinesie, also eine fehlerhafte Bewegung des Schulterblatts, und einen Kraftverlust der Außenrotatoren.
Clara: Puh, viele Fachbegriffe. Aber im Grunde bedeutet das, die Schulter bewegt sich nicht so, wie sie soll, und ist nicht stark genug.
Felix: Du bringst es auf den Punkt. Und hier kommt unser Algorithmus ins Spiel. Wir definieren sogenannte „Baseline“-Werte für eine „Happy Shoulder“.
Clara: Eine „Happy Shoulder“? Das gefällt mir! Was braucht eine Schulter denn, um glücklich zu sein?
Felix: Im Grunde zwei Dinge: volle Mobilität und ordentlich Kraft. Diese Werte testen wir, bevor überhaupt eine Verletzung passiert, um ein Ziel zu haben.
Clara: Das ist clever. Man hat also einen Vergleichswert. Was genau wird da bei so einer Baseline-Testung alles erfasst?
Felix: Oh, eine ganze Menge. Wir schauen uns natürlich die Mobilität und Kraft der Schulter ganz genau an. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – wir schauen auf den ganzen Körper.
Clara: Wie meinst du das?
Felix: Wir testen zum Beispiel auch die Kraftwerte der unteren Extremitäten, also der Beine, sowohl einbeinig als auch beidbeinig. Und wir messen Wurfwerte, wie Weite oder Geschwindigkeit.
Clara: Okay, das überrascht mich jetzt. Was hat meine Beinkraft mit meiner Schulterverletzung zu tun?
Felix: Eine ganze Menge! Die Kraft für einen Wurf kommt aus der Kette. Sie startet im Boden, geht durch die Beine, den Rumpf und wird erst am Ende auf den Arm übertragen. Schwache Beine bedeuten mehr Stress für die Schulter.
Clara: Das ist ja faszinierend. Also eine Art ganzheitlicher TÜV für den Athleten.
Felix: Genau! Und wir vergessen auch den Kopf nicht. Psychologische Fragebögen sind ein fester Bestandteil, um die mentale Bereitschaft zu erfassen. Eine Verletzung ist ja auch eine psychische Belastung.
Clara: Lass uns nochmal bei der Kraft bleiben. Gibt es da konkrete Werte, auf die ihr achtet? Sozusagen rote Flaggen?
Felix: Absolut. Hier ist eine verblüffende Zahl: Bei Baseball-Pitchern erhöht sich das Schulterverletzungsrisiko um den Faktor 1,25 für jede 5% Kraftunterschied zwischen dem vorderen und dem hinteren Bein.
Clara: Das ist ja der Wahnsinn! Eine kleine Dysbalance im Unterkörper hat so massive Auswirkungen auf die Schulter.
Felix: Genau. Oder die Hüfte: Wenn die Kraft der Hüftabduktoren, also der seitlichen Gesäßmuskeln, zu gering ist, leidet die gesamte Stabilität. Es gibt auch ein ideales Verhältnis zwischen den Adduktoren und Abduktoren an der Hüfte, das nicht mehr als 10% abweichen sollte.
Clara: Das zeigt wirklich, wie alles im Körper miteinander verbunden ist. Man kann eine Schulter nicht isoliert betrachten.
Felix: Niemals. Der Körper ist ein Team. Und wenn ein Spieler schwächelt, müssen die anderen härter arbeiten. Meistens ist das dann die arme Schulter.
Clara: Okay, wir haben also die Phasen und wir haben die Messwerte. Wie wird daraus jetzt ein konkreter Trainingsplan?
Felix: Super Frage. Jede Phase hat ihre eigene Trainingsmethode. In der „Return to Activity“-Phase starten wir oft mit Hypertrophietraining, also Muskelaufbau, um die Grundlagen zu schaffen.
Clara: Also klassisches Krafttraining, um wieder Substanz aufzubauen.
Felix: Korrekt. Wenn wir dann in Richtung „Return to Sport“ gehen, wird das Training intensiver. Wir kommen ins intramuskuläre Koordinationstraining, kurz IK-Training, um die Ansteuerung der Muskeln zu verbessern.
Clara: Und für die letzte Phase, den Wettkampf?
Felix: Da brauchen wir Explosivität. Hier kommt dann Plyometrie ins Spiel. Also Sprungtraining und reaktive Übungen. Und natürlich müssen alle Kraftformen ermüdungsresistent sein.
Clara: Und es gibt für jeden Schritt klare Kriterien, wann man zur nächsten Stufe übergehen darf, richtig? Kein „ich fühl mich aber schon ganz gut“?
Felix: Genau. Die Kriterien sind knallhart. Zum Beispiel musst du 90% deiner ursprünglichen Kraftwerte erreichen, bevor du überhaupt an sportartspezifisches Training denken darfst. Daten, nicht Gefühle.
Clara: Das ist konsequent. Gibt es da ein Leitmotiv?
Felix: Mein Lieblingszitat dazu kommt vom CrossFit-Athleten Matt Fraser: „The goal is to become so strong, everything feels like endurance!“ Das Ziel ist, so stark zu werden, dass sich alles wie Ausdauertraining anfühlt.
Clara: Ein starkes Schlusswort. Diese strukturierte Herangehensweise nimmt der Reha wirklich viel von ihrem Schrecken und ihrer Unsicherheit. Vielen Dank, Felix!
Felix: Sehr gerne. Letztendlich geht es darum, die Kontrolle zu übernehmen – „Control what you can control“.
Clara: Das ist echt faszinierend, wie unser Körper versucht, uns zu schützen. Aber dieser Schutzmechanismus kann auch nach hinten losgehen, oder?
Felix: Absolut! Das klassische Beispiel dafür ist der sogenannte FOOSH-Mechanismus.
Clara: FOOSH? Das klingt wie ein Geräusch aus einem Comic. Was verbirgt sich dahinter?
Felix: Passt eigentlich ganz gut! FOOSH steht für „Fall On Outstretched Hand“, also der Sturz auf die ausgestreckte Hand.
Clara: Ah, der absolute Klassiker. Man stolpert und versucht, sich abzufangen.
Felix: Genau. Und das ist das Problem. Die gesamte Energie des Sturzes wird von der Hand aufgenommen und dann wie eine Schockwelle weitergeleitet.
Clara: Wohin genau?
Felix: Vom Handgelenk über den Ellenbogen bis hoch in die Schulter. Eine richtige Kettenreaktion.
Clara: Okay, und was geht bei dieser Kettenreaktion am häufigsten kaputt?
Felix: Das ist leider eine ganze Liste. Am Handgelenk bricht sehr oft die Speiche, also der Radius. Man spricht von einer distalen Radiusfraktur.
Clara: Und was noch?
Felix: Auch das Kahnbein, ein kleiner, aber wichtiger Handwurzelknochen, bricht leicht. Weiter oben kann es das Radiusköpfchen im Ellenbogen oder sogar das Schlüsselbein erwischen.
Clara: Puh, das ist eine Menge. Und Bänder sind sicher auch betroffen?
Felix: Auf jeden Fall. Zerrungen und Risse sind extrem häufig. Besonders gefährdet sind übrigens Kinder, ältere Menschen und natürlich Sportler. Denk nur an Skateboarder oder Snowboarder!
Clara: Das leuchtet ein. Also zusammengefasst: Der Versuch, sich abzufangen, kann eine ganze Reihe von Verletzungen von der Hand bis zur Schulter verursachen. Das bringt mich direkt zur nächsten Frage: Wie erkenne ich denn, was genau verletzt ist?
Clara: Okay, Felix, wir haben jetzt so viel darüber geredet, was Sehnen stark macht. Aber lass uns zum Abschluss über einen echten Saboteur für den Heilungsprozess sprechen.
Felix: Ah, ein super wichtiges Thema zum Schluss. Wir reden über Alkohol. Viele unterschätzen total, wie direkt sich das auswirkt.
Clara: Genau. Man denkt sich,