Spezifische Lernstörungen und Diagnostik

Verstehen Sie spezifische Lernstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie) mit diesem Leitfaden. Erfahren Sie mehr über Diagnostik, Symptome, Ursachen und Hilfen für Studenten.

Spezifische Lernstörungen stellen für viele Kinder und Jugendliche eine große Herausforderung dar. Sie beeinträchtigen den Erwerb grundlegender schulischer Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen, obwohl die allgemeine Intelligenz altersgerecht entwickelt ist. In diesem Artikel beleuchten wir die Merkmale, Diagnosekriterien und verschiedene Formen dieser Störungen, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen und Studierenden eine fundierte Übersicht zu bieten.

Was sind Spezifische Lernstörungen und ihre Diagnostik?

Spezifische Lernstörungen, oft auch als umschriebene Lernschwächen oder Teilleistungsstörungen bezeichnet, sind unerwartete Schwierigkeiten beim Erwerb spezifischer Kompetenzen wie Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen. Diese Schwierigkeiten sind nicht auf mangelnde Lerngelegenheiten, neurologische Erkrankungen, sozioökonomische Umstände oder eine allgemeine Intelligenzminderung zurückzuführen. Typischerweise liegt die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit eines betroffenen Kindes im altersgerechten Bereich.

Charakteristika von Spezifischen Lernstörungen: Ein Überblick

Ein zentrales Kennzeichen ist die Diskrepanz zwischen der erwarteten Leistung basierend auf dem Alter und der Intelligenz und der tatsächlich gezeigten Leistung in einem oder mehreren akademischen Bereichen. Häufig sind diese Schwierigkeiten von weiteren Problemen begleitet, die jedoch nicht die Ursache der Lernstörung sind:

  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten
  • Hyperaktivität
  • Aggressionen

Basale Schwierigkeiten wie visuelle oder akustische Wahrnehmungsprobleme, die nicht zum eigentlichen Lernstörungsbild gehören, müssen von der Diagnose abgegrenzt werden, da sie auf eine andere zugrundeliegende Störung hindeuten könnten.

Häufigkeit und Komorbidität von Lernstörungen

Lese- und Rechenstörungen treten ungefähr gleich häufig auf:

  • Lese-Rechtschreibstörung (LRS): Betrifft etwa 4 bis 10 % der Kinder.
  • Rechenstörung (Dyskalkulie): Betrifft ebenfalls etwa 4 bis 10 % der Kinder.

Es besteht eine hohe Überschneidung zwischen diesen Störungen, bekannt als Komorbidität:

  • Zwischen 17 % und 70 % der Kinder mit LRS haben auch eine Rechenschwäche.
  • Zwischen 11 % und 56 % der Kinder mit Rechenstörung sind auch von LRS betroffen.

Generell gilt, dass etwa die Hälfte der Kinder mit einer spezifischen Lernstörung auch von anderen Defiziten betroffen ist. Sowohl LRS als auch Dyskalkulie haben eine genetische, erbliche Komponente.

Diagnostische Kriterien nach ICD und DSM

Die Diagnose von spezifischen Lernstörungen basiert auf international anerkannten Klassifikationssystemen wie dem ICD (International Classification of Diseases) der WHO und dem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der APA. Diese Systeme definieren gemeinsame Merkmale für Entwicklungsstörungen:

  • Beginn: Ausnahmslos im Kleinkindalter oder in der Kindheit.
  • Entwicklung: Eine Entwicklungseinschränkung oder -verzögerung von Funktionen, die eng mit der biologischen Reifung des Zentralnervensystems verknüpft sind.
  • Verlauf: Stetiger Verlauf ohne Remissionen und Rezidive.

Operationalisierung der Leistung und das Diskrepanzkriterium

Lernstörungen werden in der Diagnostik als Abweichung von Leistungen in der Population operationalisiert, beispielsweise 1,5 bis 2 Standardabweichungen unter dem Durchschnitt der Referenzgruppe. Früher wurde zusätzlich ein Diskrepanzkriterium herangezogen, das eine Abweichung von der aufgrund der allgemeinen kognitiven Fähigkeit (IQ) zu erwartenden Leistung beschrieb. Dieses Kriterium wird in modernen Diagnosesystemen jedoch weniger streng gehandhabt oder gar nicht mehr verwendet.

Kategoriale versus dimensionale Diagnostik bei Lernstörungen

Die Diskussion um kategoriale versus dimensionale Diagnostik ist bei Lernstörungen relevant. Während Diagnosen oft als kategoriale Einheiten vergeben werden (gesund vs. krank), sind die Krankheitsmerkmale in der Realität meist dimensional verteilt. Das bedeutet, es gibt einen kontinuierlichen Übergang zwischen gesund und krank. Moderne Klassifikationssysteme versuchen diesem dimensionalen Aspekt zunehmend Rechnung zu tragen, obwohl die kategoriale Diagnose im klinischen Alltag aus ökonomischen Gründen oft bevorzugt wird.

Diagnosekriterien gemäß DSM-5 für Spezifische Lernstörungen (SLD)

Um eine spezifische Lernstörung zu diagnostizieren, müssen vier Kriterien erfüllt sein:

  1. Anhaltende Schwierigkeiten: Probleme in mindestens einem der folgenden Bereiche über mindestens sechs Monate trotz gezielter Hilfe:
  • Lesen (Ungenauigkeit, Langsamkeit, großer Aufwand)
  • Leseverständnis
  • Rechtschreibung
  • Schriftlicher Ausdruck (Grammatik, Zeichensetzung, Organisation)
  • Zahlenkonzepte, Rechenfakten, Kalkulation
  • Mathematisches Schlussfolgern
  1. Deutlich unter dem Erwarteten: Akademische Fähigkeiten liegen erheblich unter dem für das Alter erwarteten Niveau und verursachen Probleme in Schule, Arbeit oder Alltag.
  2. Beginn im Schulalter: Schwierigkeiten beginnen im Schulalter, auch wenn sie erst im Erwachsenenalter (bei höheren Anforderungen) signifikant werden.
  3. Ausschluss anderer Ursachen: Die Lernschwierigkeiten sind nicht auf andere Bedingungen zurückzuführen, wie intellektuelle Beeinträchtigung, Seh-/Hörprobleme, neurologische Erkrankungen, ungünstige Umstände (wirtschaftlich, umweltbedingt), mangelnden Unterricht oder Sprachschwierigkeiten.

Eine spezifische Lernstörung ist eine neuroentwicklungsbedingte Störung biologischen Ursprungs, die sich in Abweichungen auf kognitiver Ebene äußert. Die biologischen Ursachen umfassen genetische, epigenetische und Umweltfaktoren, welche die Fähigkeit des Gehirns zur effizienten Verarbeitung von Informationen beeinflussen.

Verschiedene Formen von Spezifischen Lernstörungen

Spezifische Lernstörungen werden anhand der betroffenen akademischen Fertigkeiten unterschieden und umfassen folgende Hauptformen:

  • Lese-Rechtschreibstörung (F81.0 / 315.00 F81.0): Legasthenie/Dyslexie
  • Probleme bei der Worterkennung (Genauigkeit, Flüssigkeit), dem Dekodieren und der Rechtschreibung.
  • Kann auch Leseverständnis und die Fähigkeit, gelesene Worte wiederzuerkennen und vorzulesen, betreffen.
  • In Sprachen mit direkterer Laut-Buchstaben-Zuordnung (z.B. Deutsch) manifestiert sich Legasthenie oft als langsames, aber genaues Lesen, während im Englischen Ungenauigkeit und Langsamkeit im Vordergrund stehen können.
  • Isolierte Rechtschreibstörung (F81.1 / 315.2 F81.81): Dysgraphie
  • Schwierigkeiten beim schriftlichen Ausdruck, wie Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung sowie Klarheit und Organisation des Geschriebenen.
  • Ohne Vorgeschichte einer Lesestörung.
  • Rechenstörung (F81.2 / 315.1 F81.2): Dyskalkulie
  • Probleme mit dem Zahlensinn, dem Auswendiglernen arithmetischer Fakten, der genauen oder flüssigen Berechnung und dem mathematischen Schlussfolgern.
  • Betrifft vor allem grundlegende Rechenfertigkeiten, weniger höhere Mathematik.
  • Kombinierte Störungen schulischer Fertigkeiten (F81.3): Eine schlecht definierte Kategorie für Störungen mit deutlicher Beeinträchtigung in den Bereichen Rechnen, Lesen und Rechtschreiben.

Schweregrade von Lernstörungen

Lernstörungen können in ihrer Schwere variieren:

  • Mild: Einige Schwierigkeiten in ein oder zwei akademischen Bereichen, Kompensation möglicherweise selbstständig möglich.
  • Mittel: Signifikante Schwierigkeiten, erfordert spezialisierten Unterricht und Anpassungen.
  • Schwer: Sehr ausgeprägte Schwierigkeiten in mehreren akademischen Bereichen, erfordert intensive spezialisierte Unterstützung.

Begleitende Merkmale und Langzeitfolgen

Spezifische Lernstörungen gehen häufig mit Beeinträchtigungen in verschiedenen psychologischen Prozessen einher, wie der phonologischen und orthographischen Verarbeitung, dem Gedächtnis (insbesondere Arbeitsgedächtnis) und exekutiven Funktionen. Sie treten auch oft komorbid mit anderen Neuroentwicklungsstörungen auf, z.B. ADHS, umschriebener Entwicklungsstörung der Motorik oder Sprache und Autismus-Spektrum-Störungen.

Die Defizite bleiben typischerweise bis ins Jugend- und Erwachsenenalter bestehen und können sich negativ auf den schulischen Erfolg, die Wahrscheinlichkeit eines Schulabbruchs und die Beschäftigung auswirken. Ubehandelt erhöhen sie das Risiko für psychische Gesundheitsprobleme, einschließlich depressiver Symptome und Suizidgedanken. Das Geschlechterverhältnis ist bei Jungen häufiger (1,5:1 bis 3:1 in Community-Stichproben, bis zu 6:1 in klinischen Stichproben), was auch daran liegen könnte, dass Jungen häufiger aufgrund von begleitendem ADHS oder externalisierenden Verhaltensweisen überwiesen werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Diagnostik von Lernstörungen

Wann werden Spezifische Lernstörungen typischerweise diagnostiziert?

Spezifische Lernstörungen werden am häufigsten in den Grundschuljahren diagnostiziert, da die Schwierigkeiten im Lesen, Rechnen und/oder Schreiben erst dann offensichtlich werden, wenn diese Themen formal unterrichtet werden. Einige Personen erhalten ihre Diagnose jedoch erst später, einschließlich im Erwachsenenalter, wenn die akademischen oder beruflichen Anforderungen steigen.

Sind Lernstörungen heilbar?

Lernstörungen sind keine Krankheiten im herkömmlichen Sinne, sondern neurologische Entwicklungsstörungen. Sie können nicht

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