Spezifische Lernstörungen und Komorbidität

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Spezifische Lernstörungen (SLS) und Komorbidität sind ein komplexes, aber entscheidendes Thema für Schüler, Eltern und Pädagogen. Es geht darum zu verstehen, wie verschiedene Lernschwierigkeiten miteinander verbunden sein können und welche Auswirkungen dies auf die Entwicklung und das Leben der Betroffenen hat. In diesem Artikel beleuchten wir die Definitionen, Häufigkeiten und weitreichenden Folgen von SLS, insbesondere in Kombination mit anderen Störungen.

Was sind Spezifische Lernstörungen und Komorbidität?

Spezifische Lernstörungen (SLS) sind neurologisch bedingte Entwicklungsstörungen, die das Erlernen und Anwenden spezifischer akademischer Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen beeinträchtigen. Trotz durchschnittlicher Intelligenz haben Betroffene erhebliche Schwierigkeiten in diesen Bereichen. Lange Zeit wurde das sogenannte IQ-Diskrepanzkriterium verwendet, um Dyslexie zu definieren, d.h. wenn die Leseleistungen signifikant unter dem IQ lagen. Neuere Forschung, wie eine Meta-Analyse von Stuebing et al. (2002), hat jedoch gezeigt, dass Legastheniker und "schlechte Leser" (deren Leseleistungen dem IQ entsprechen) sich in ihren Schwierigkeiten – insbesondere im Bereich der phonologischen Verarbeitung, des Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnisses sowie des syntaktischen Bewusstseins – kaum unterscheiden. Dies legt nahe, dass die Unterscheidung nach dem IQ-Diskrepanzkriterium oft nicht notwendig ist, da beide Gruppen ähnliche Defizite aufweisen.

Komorbidität bezeichnet das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehr Störungen bei einer Person. Im Kontext von Lernstörungen bedeutet dies, dass jemand beispielsweise sowohl Lese- als auch Rechenschwierigkeiten haben kann. Das Verständnis von Komorbidität ist von entscheidender Bedeutung, da eine Störung den Verlauf und die Behandlung einer anderen beeinflussen kann. Es kann auch Einblicke in die Neurobiologie und Entwicklung dieser Störungen geben und sogar zur Neubewertung diagnostischer Kategorien führen.

Häufigkeit und Arten von Komorbiditäten bei Lernstörungen

Komorbiditäten sind bei spezifischen Lernstörungen eher die Regel als die Ausnahme. Studien zeigen eine hohe Überschneidung zwischen verschiedenen Lernstörungen:

  • Lese- und Rechtschreibstörung (LRS): Lese- (RD) und Rechtschreibschwierigkeiten (SD) treten häufig zusammen auf. Die Korrelationen zwischen Lese-, Rechtschreib- und Rechenfähigkeiten sind signifikant, wobei Lese- und Rechtschreibfähigkeiten oft die höchsten Korrelationen aufweisen (z.B. Lesefertigkeit und Rechtschreibung mit.85).
  • Rechenstörung (Dyskalkulie): Rechenschwierigkeiten (AD) überlappen sich ebenfalls stark mit Lese- und Rechtschreibstörungen. So fanden Moll et al. (2010), dass bei einem Cutoff von 1.5 Standardabweichungen ca. 26% der Kinder mit Rechenstörung auch Leseschwierigkeiten und 37% Rechtschreibschwierigkeiten aufweisen.

Eine Studie von Dirks et al. (2008) ergab beispielsweise, dass bei einem Cutoff im 25. Perzentil 28% der Kinder mit Rechenstörung auch Lesestörungen hatten (AD von RD) und 43% der Kinder mit Lesestörung Rechenstörungen (RD von AD). Die gemeinsame Prävalenz von Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörungen (RD+SD+AD) lag bei Fischbach et al. (2013) bei bis zu 4,2%. Diese Zahlen verdeutlichen, dass isolierte Lernstörungen seltener sind als kombinierte.

Geschlechtsunterschiede bei Lernstörungen

Interessanterweise gibt es auch Geschlechtsunterschiede bei der Prävalenz von Lernstörungen und ihren Komorbiditäten. Laut Moll et al. (2014) sind Jungen bei Lese- und Rechtschreibstörungen insgesamt etwas häufiger betroffen (z.B. SD total 55,5% männlich bei 1 sd Cutoff), während Mädchen bei Rechenstörungen überrepräsentiert sein können (z.B. AD total 40,8% männlich bei 1 sd Cutoff, was bedeutet, dass der Anteil der Mädchen höher ist).

Auswirkungen von Lernstörungen im späteren Leben

Die Folgen spezifischer Lernstörungen reichen weit über schulische Leistungen hinaus und können sich erheblich auf das Erwachsenenleben auswirken:

  • Bildung und Beruf: Lernschwierigkeiten in der Kindheit korrelieren stark mit dem sozioökonomischen Status im Erwachsenenalter. Ritchie & Bates zeigten, dass Lese- und Rechenfähigkeiten im Alter von 7 Jahren signifikante Zusammenhänge mit dem erreichten sozioökonomischen Status im Alter von 42 Jahren aufweisen.
  • Legasthenie kann das Lebenseinkommen um bis zu 81.000 £ reduzieren und die Wahrscheinlichkeit, fünf oder mehr GCSEs (A*-C) zu erreichen, um 3-12 Prozentpunkte senken.
  • Dyskalkulie, obwohl weniger bekannt, kann das Lebenseinkommen um bis zu 114.000 £ reduzieren und die Wahrscheinlichkeit von fünf oder mehr GCSEs (A*-C) um 7-20 Prozentpunkte mindern.
  • Gesundheit und soziale Teilhabe: Tuija Aro et al. (2019) untersuchten die Zusammenhänge zwischen Lernschwierigkeiten in der Kindheit und psychischen Problemen, mangelnder Bildung und Arbeitslosigkeit im Erwachsenenalter:
  • Psychische Gesundheit: Personen mit Lernschwierigkeiten hatten signifikant höhere Raten an Krankengeld/Erwerbsunfähigkeitsrenten (10,0% vs. 7,1% in der Kontrollgruppe), Anxiolytika-Erstattung (11,4% vs. 7,1%) und Antidepressiva-Erstattung (20,9% vs. 15,0%).
  • Bildung: Der Anteil der Personen mit nur Pflichtschulbildung war in der Gruppe mit Lernschwierigkeiten erheblich höher (27,2% vs. 12,8%).
  • Arbeitslosigkeit: Eine längere Arbeitslosigkeit (über 258 Tage) war bei Menschen mit Lernschwierigkeiten ebenfalls häufiger (27,9% vs. 18,3%).

Erklärungsmodelle für Komorbidität

Verschiedene Modelle versuchen, das Phänomen der Komorbidität zu erklären. Pennington (2006) schlägt ein Multiple-Defizit-Modell vor, das davon ausgeht, dass Komorbiditäten durch teilweise gemeinsame Risikofaktoren auf verschiedenen Analyseebenen (genetisch, neuronal, kognitiv) verursacht werden. Caron & Rutter (1991) sowie Neale & Kendler (1995) identifizierten vier Erklärungsansätze:

  1. Zufall: Das gemeinsame Auftreten ist nicht häufiger als durch reinen Zufall zu erwarten.
  2. Artefakt: Dies kann durch Überweisungsbias, Bewerterbias, definitorische Überschneidungen oder Populationsschichtungen entstehen.
  3. Kausale Beziehung: Dies ist die wichtigste Kategorie und umfasst:
  • Gleiche Ätiologie mit Schweregrad-Kontinuum: Eine Ursache führt zu verschiedenen Ausprägungen.
  • Teilweise geteilte Ätiologie: Es gibt gemeinsame Risikofaktoren für beide Störungen.
  • Ätiologischer Subtyp: Es gibt spezifische Untergruppen mit unterschiedlichen Ursachen.
  • Eine Störung verursacht die andere: Z.B. A führt zu B (A → B).

Ein weiteres Modell für die Komorbidität zwischen Lese- (RD) und Rechenstörungen (MD) schlägt vor, dass es entweder gemeinsame domänen-allgemeine Defizite gibt, die zu beiden Störungen führen, oder dass es überlappende Verhaltensmerkmale gibt, die auf unterschiedliche zugrunde liegende kognitive Defizite zurückzuführen sind.

Transdiagnostische Ansätze bei neuroentwicklungsbedingten Störungen

Neuere Forschungsansätze, die sogenannten transdiagnostischen Ansätze, versuchen, gemeinsame kognitive oder neuronale Dimensionen über verschiedene Störungsbilder hinweg zu identifizieren, anstatt sich auf enge diagnostische Kategorien zu konzentrieren. Astle et al. (2021) identifizierten folgende mögliche transdiagnostische Dimensionen:

  • Hyperaktivität und Impulsivität: Besonders ausgeprägt bei ADHS und in geringerem Maße bei Autismus.
  • Unaufmerksamkeit: Deutlich bei ADHS, Dyskalkulie und Legasthenie.
  • Soziale Kommunikation: Wesentlich bei Autismus und Sozialer Pragmatischer Kommunikationsstörung.
  • Exekutive Funktionen: Relevant bei ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie und Entwicklungsbedingter Sprachstörung.
  • Phonologische Verarbeitung: Schlüsseldimension bei Legasthenie, aber auch relevant bei ADHS, Dyskalkulie und Entwicklungsbedingter Sprachstörung.

Ein datengesteuerter Ansatz (Siugzdaite et al., 2020) identifizierte verschiedene kognitive Profile bei lernschwachen und typisch entwickelten Kindern. Es wurden Profile gefunden, die von altersgerechter Leistung bis hin zu weit verbreiteten und schweren kognitiven Beeinträchtigungen reichten, einschließlich spezifischer Schwächen in der phonologischen Bewusstheit oder den exekutiven Funktionen. Die Beziehungen zwischen diesen kognitiven Profilen und den strukturellen Konnektomen des Gehirns waren dabei stärker als zu einzelnen regionalen Hirnstrukturen.

Komorbidität von Lernstörungen mit psychischen Problemen

Spezifische Lernstörungen treten sehr häufig zusammen mit anderen psychischen Problemen auf. Studien zeigen signifikante Korrelationen zwischen Lernfähigkeiten und psychopathologischen Symptomen:

LesenRechtschreibenRechnenADHSAngststörungVerhaltensstörungDepression
Lesen
Rechtschreiben0.45
Rechnen0.390.38
ADHS-0.21-0.27-0.28
Angststörung-0.07-0.06-0.160.35
Verhaltensstörung-0.08-0.15-0.140.580.31
Depression-0.17-0.20-0.230.590.560.54

Die Tabelle von Visser et al. (2020) zeigt, dass eine höhere Ausprägung von ADHS, Angststörungen, Verhaltensstörungen und Depressionen mit geringeren Leistungen in Lesen, Schreiben und Rechnen korreliert. Besonders stark sind die Korrelationen zwischen ADHS und Verhaltensstörungen (0.58) sowie ADHS und Depressionen (0.59).

Eine weitere Studie (Visser et al., 2020) ergab, dass Kinder mit irgendeiner Form von spezifischer Lernstörung (SLD) signifikant höhere Prävalenzraten für ADHS (28% vs. 9,6% ohne SLD), Angststörungen (20,8% vs. 12,7%), Verhaltensstörungen (21,8% vs. 11,5%) und Depressionen (27,8% vs. 10,3%) aufwiesen. Besonders auffällig ist, dass Kinder mit komorbiden SLDs (mehreren Lernstörungen) eine noch höhere Prävalenz von Psychopathologien zeigen als Kinder mit nur einer isolierten SLD.

Gemeinsame Risikofaktoren und Symptome

Robert L. Hendren et al. (2018) fassen die komorbiden Bedingungen bei Lesestörungen (RD) sowie deren gemeinsame Symptome und Risikomechanismen zusammen:

  • ADHS: Getrennte, aber auch gemeinsame Risikogene (KIAA0319, DCDC2) und strukturelle/funktionelle neuronale Abnormalitäten. Defizite in Verarbeitungsgeschwindigkeit, verbalem Arbeitsgedächtnis und phonologischem Kurzzeitgedächtnis sind geteilt.
  • Autismus-Spektrum-Störung: Beeinträchtigtes Leseverständnis. Geteilte Risikogene (MRPL19) und Komorbidität mit Sprachbeeinträchtigung.
  • Disruptive, Impulskontroll- und Verhaltensstörungen: Externalisierendes Verhalten. Geteilte kognitive Risiken im Arbeitsgedächtnis und Sprachdefizite. Häufige Komorbidität mit ADHS.
  • Angst- und depressive Störungen: Geringes Selbstwertgefühl und internalisierende Psychopathologie. Negative akademische/soziale Erfahrungen und geteilte familiäre Risikofaktoren.
  • Andere spezifische Lernstörungen: Internalisierende Psychopathologie, Defizite in der Handschrift, Arbeitsgedächtnis, semantisches Gedächtnis und verbale Verarbeitung.

Diese Überschneidungen unterstreichen die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes bei der Diagnose und Behandlung von spezifischen Lernstörungen.

Fazit

Spezifische Lernstörungen und Komorbidität sind ein weit verbreitetes Phänomen, das weitreichende Auswirkungen auf die akademische Leistung, die berufliche Entwicklung und die psychische Gesundheit der Betroffenen hat. Es ist entscheidend, diese Zusammenhänge zu erkennen, um effektive Interventionen zu entwickeln und die Lebensqualität von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu verbessern. Die Abkehr vom starren IQ-Diskrepanzkriterium und die Hinwendung zu transdiagnostischen Modellen ermöglichen ein differenzierteres Verständnis und zielgerichtete Unterstützungsstrategien.

FAQ zu Spezifischen Lernstörungen und Komorbidität

Was ist der Unterschied zwischen Dyslexie und einem

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