Die psychologische Diagnostik von Lese-Rechtschreibstörungen (LRS) ist ein essenzieller Prozess, um Lernschwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und gezielte Fördermaßnahmen einzuleiten. Dieser Artikel bietet dir einen umfassenden Überblick über die wichtigsten diagnostischen Instrumente und Verfahren im deutschsprachigen Raum, damit du die komplexen Abläufe besser verstehen kannst.
Grundlagen der psychologischen Diagnostik bei Lese-Rechtschreibstörungen
Eine fundierte Diagnostik ist der erste Schritt zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreibstörungen. Sie umfasst nicht nur spezifische Leistungstests, sondern auch eine ausführliche Anamnese und Beobachtung. Ziel ist es, ein präzises Bild der Stärken und Schwächen zu erhalten und mögliche Komorbiditäten zu identifizieren.
Der umfassende Diagnoseansatz
Die psychologische Diagnostik geht über reine Testverfahren hinaus. Sie integriert verschiedene Informationsquellen, um eine ganzheitliche Beurteilung zu gewährleisten:
- Anamnese und exploratives Gespräch: Erfassung relevanter Vorgeschichten und aktueller Lebensumstände.
- Beobachtung: Des Verhaltens in Testsituationen, im sozialen Kontext und beim Lernen.
- Selbsteinschätzung des Kindes: Wie nimmt das Kind seine eigenen Schwierigkeiten wahr?
- Informationen von Bezugspersonen: Beobachtungen von Eltern, Lehrern und anderen wichtigen Personen.
- Abklärung von Komorbiditäten: Untersuchung auf mögliche Sprachprobleme, motorische oder neurologische Schwierigkeiten, Aufmerksamkeitsstörungen wie ADHS, Dyskalkulie oder psychische Probleme.
- Intelligenzdiagnostik: Unabdingbar, um das Diskrepanzkriterium (Leistung unter Erwartung trotz normaler Intelligenz) zu überprüfen.
Optimales Diagnosesetting für Schüler
Für eine valide Diagnostik ist der Rahmen entscheidend. Das Diagnosesetting sollte folgende Aspekte berücksichtigen:
- Einzel- vs. Gruppenverfahren: Je nach Test und Fragestellung.
- Räumlichkeiten: Ein ruhiger und störungsfreier Ort ist essenziell.
- Befindlichkeit der Teilnehmer: Das Wohlbefinden des Kindes ist für die Testergebnisse von großer Bedeutung.
- Informationsgehalt und Transparenz: Klare Kommunikation über den Ablauf und die Bedeutung der Ergebnisse.
- Nutzung der Ergebnisse: Die Testergebnisse fließen nicht in die Schulnote ein, sind für die Ableitung von Förderschritten gedacht und bleiben in der Hand des Lehrers.
Die Bludenzer Aufgabenreihe zu Phonologischer Bewusstheit und Sprache (BAPS)
Die BAPS ist ein wichtiges Instrument zur Überprüfung der phonologischen Bewusstheit, die als Grundvoraussetzung für den Schriftspracherwerb gilt. Sie ist besonders für die erste Klasse konzipiert (Version 1, September 2009).
Subtests der BAPS für die Erstklässlerdiagnostik
Die BAPS umfasst verschiedene Subtests, die unterschiedliche Aspekte der phonologischen Bewusstheit und Sprache erfassen:
- Silben klatschen (SK): Misst die Fähigkeit, Wörter in Silben zu zerlegen (z.B. "Ro-sel", "E-lo-fant").
- Reimwörter bilden (R): Überprüft das Erkennen und Produzieren von Reimen (z.B. "Haus" - "Maus").
- Lautsynthese (LS): Erfasst die Fähigkeit, einzelne Laute zu einem Wort zusammenzufügen (z.B. "O-fen" wird zu "Ofen").
- Lutanalyse (LA): Misst die Fähigkeit, gleiche Anlaute in Wörtern zu erkennen (z.B. "Affe - Ampel - Trompete" → "Affe - Ampel").
- Pseudowörter nachsprechen (PN): Überprüft die phonologische Arbeitsgedächtnisspanne und die Fähigkeit zur phonologischen Dekodierung bei unbekannten Wörtern (z.B. "lani", "grotobane"). Pseudowörter werden verwendet, da sie das reine Decodieren ohne semantische Unterstützung prüfen.
- Sätze nachsprechen (SN): Erfasst die Sprachverständlichkeit und das auditive Gedächtnis für Satzstrukturen.
- Schnelles Benennen (SD): Misst die lexikalische Zugriffsgeschwindigkeit und Automatisierung (z.B. schnelle Benennung von Bildern wie "Schmetterling", "Maus", "Eisbär").
Die Auswertung der BAPS erfolgt anhand von Normierungen (September 2008), wobei für jeden Subtest Punkte vergeben werden. Die Schnelle Benennung wird in Sekunden gemessen.
Salzburger Lesescreening (SLS 2-9) zur basalen Lesefertigkeit
Das SLS 2-9, entwickelt von MMag. Dr. Heinz Mayringer und Univ.-Prof. Dr. Heinz Wimmer, ist ein Gruppentestverfahren, das die basale Lesefertigkeit erfasst. Es ist darauf ausgelegt, den Lesestand einer Klasse schnell zu ermitteln und Kinder mit Leseproblemen zu identifizieren. Der Test kann von der zweiten bis zur neunten Schulstufe eingesetzt werden und verfügt über parallele Versionen (A1/A2, B1/B2).
Aufbau und Durchführung des SLS 2-9
Der SLS 2-9 prüft die Lesefertigkeit durch die Beurteilung der inhaltlichen Richtigkeit einer Abfolge einfacher Sätze. Dabei liegt der Fokus auf der Wortlesefertigkeit, nicht auf dem Textverständnis.
- Dauer: Ca. 15 Minuten Durchführungszeit, davon 3 Minuten reine Bearbeitungszeit.
- Material: Eine Liste von Sätzen, bei denen die Schüler ankreuzen müssen, ob der Satz inhaltlich richtig oder falsch ist (z.B. "Bäume können sprechen." [Falsch], "Wasser ist nass." [Richtig]).
- Ziel: Erkennung von Kindern mit Leseproblemen und Verfolgung des Entwicklungsverlaufs. Es ist ein Instrument für Klassenlehrer.
Auswertung des SLS 2-9: Lesequotient
Die Auswertung des SLS 2-9 erfolgt über den Lesequotienten (LQ), der analog zum IQ eine Skala mit einem Mittelwert von 100 und einer Standardabweichung von 15 verwendet. Die Leistung wird anhand von Schulmonaten beurteilt, und der Rohwert wird in den entsprechenden Lesequotienten umgerechnet.
Die Berechnung des Rohwertes erfolgt durch die Anzahl bearbeiteter Sätze minus Auslassungen minus falsch beantwortete Sätze.
- Rohwert: Anzahl der richtig beurteilten Sätze.
- Korrektur der Testungen: Spezielle Korrekturverfahren für Tests, die in der ersten Hälfte des Schuljahres stattfinden, um genaue Vergleiche zu ermöglichen.
Der Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (SLRT-II)
Der SLRT-II, eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Salzburger Lese- und Rechtschreibtests, ermöglicht eine differenzierte Diagnose von Schwächen im Schriftspracherwerb. Er ist ein zentrales Instrument zur Erstellung individueller Förderpläne.
Einsatzbereiche und Aufgaben des SLRT-II
Der SLRT-II dient der Beurteilung von Teilkomponenten des Lesens und Rechtschreibens. Er ist besonders nützlich, wenn bereits ein Verdacht auf eine Lernstörung besteht.
- Ein-Minuten-Leseflüssigkeitstest: Misst die Leseleistung von der 1. Schulstufe bis ins Erwachsenenalter.
- Rechtschreibtest: Einsetzbar von der 2. Schulstufe bis zum Beginn der 5. Schulstufe.
Testmaterialien des SLRT-II
Für die Durchführung werden spezifische Materialien benötigt:
- Manual: Enthält alle Anweisungen und Normtabellen.
- Lesen: Zwei Leseblätter (Form A und B) und zwei Protokollbögen.
- Rechtschreiben: Buchstabentafel, zwei Protokollbögen für die 2. Schulstufe (je 24 Wörter) und zwei Protokollbögen für die 3. und 4. Schulstufe (je 48 Wörter), sowie Vorlageblätter für das Diktat.
Durchführung des SLRT-II: Wichtige Hinweise
Die Durchführung erfordert Genauigkeit und Einhaltung der Vorgaben im Manual.
- Vorbereitung: Ruhiger Testplatz, Materialien bereitlegen (Protokollbogen, Stifte, Stoppuhr, Aufnahmegerät, Leseblätter).
- Sitzposition: Im rechten Winkel zum Probanden, um Einblick in das Protokollblatt zu verhindern.
- Anweisungen: Müssen klar und exakt nach Manual gegeben werden ("Der Reihe nach, von oben nach unten, so schnell du kannst, ohne Fehler").
- Probephase: Korrigieren beim Lesen des Probeblattes und Hinweise auf Geschwindigkeit/Richtigkeit geben.
- Testabbruch: Wenn die grundlegenden Buchstaben-Laut-Korrespondenzen noch nicht vorhanden sind.
- Protokollierung: Exakte Zeitmessung und Festhalten der Fehler.
- Pseudowörter: Ein "liberales Kriterium" gilt bei der Verwechslung von o/u und e/i sowie bei der Lesung von Diphthongen (z.B. "eu" als "e-u"). Fehler, die das Kind selbst korrigiert, zählen nicht zur Fehlerwertung.
- Rechtschreibtest: Wörter langsam, aber nicht überdeutlich diktieren ("Normalsprache").
Leseteil (SLT) des SLRT-II: Merkmale und Auswertung
Der Lesetest erfasst in einer Minute pro Aufgabe sowohl die Lesegeschwindigkeit als auch die Fehleranzahl. Er beinhaltet eine Wortleseaufgabe und eine Pseudowortleseaufgabe.
- Pseudowortlesen: Diagnostiziert Defizite im synthetischen, lautierenden Lesen.
- Wortlesen: Diagnostiziert Defizite in der direkten, automatischen Worterkennung.
- Merkmale: Erfasst Lesegenauigkeit (Fehlerprozentwert) und Lesetempo (Prozentrang).
- Auswertung: Ein kombinierter Wert aus der Anzahl der richtig gelesenen Items pro Minute.
Rechtschreibteil (SRT) des SLRT-II: Fehlerkategorien
Der Rechtschreibtest des SLRT-II differenziert sehr gut im unteren Leistungsbereich und ist für die 2. Klasse (24 Wörter) und 3./4. Klasse (48 Wörter) verfügbar. Die Fehler werden in verschiedene Kategorien eingeteilt:
- N-Fehler (nicht lauttreu):
- Wörter entsprechen nicht dem Wortklang (z.B. "Kind" → "Kid", "Klind").
- Ein oder mehrere Laute fehlen, sind hinzugefügt oder falsch verschriftlicht.
- Umgangssprachliche Versionen können berücksichtigt werden.
- O-Fehler (Orthografische Fehler):
- Lauttreue Schreibungen, die aber nicht den Rechtschreibregeln entsprechen (z.B. fehlendes "stummes h" bei "Bahn" → "Ban", falsche Doppelkonsonanten "kommen" → "komt", Verwechslung von harten/weichen Konsonanten).
- Der Fehler ist entweder ein N-Fehler oder ein O-Fehler (gegenseitiger Ausschluss).
- GK-Fehler (Groß-/Kleinschreibungsfehler):
- Verstöße gegen die Groß- und Kleinschreibungsregeln (z.B. "Ball" → "ball").
- Kann gemeinsam mit N- oder O-Fehlern auftreten (z.B. "Garten" → "gatn" (O- und GK-Fehler), "Garten" → "gan" (N- und GK-Fehler)).
- Keine Fehlerwertungen: Fehlende Umlautstriche oder "ihm" statt "ihn".
Zeitaufwand des SLRT-II
- Lesetest: ca. 5 Minuten für die Testung und 5 Minuten für die Auswertung.
- Rechtschreibtest: ca. 20-30 Minuten für die Testung und 5-10 Minuten für die Auswertung pro Test.
Leitlinien für die Diagnostik von Lese- und/oder Rechtschreibstörungen
Die AWMF-Leitlinie (S5) "Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und / oder Rechtschreibstörung" gibt klare Vorgaben für die Diagnostik. Sie unterscheidet zwischen isolierten Störungen und solchen mit Komorbiditäten.
- Lesestörung: Diagnostik von Lesegenauigkeit (SLRT II), Lesegeschwindigkeit (WLLP-R, LGVT 6-12, LESEN 6-7, LESEN 8-9, SLRT II) und Leseverständnis (ELFE 1-6, LGVT 6-12, LESEN 6-7, LESEN 8-9).
- Kriterium: 1,5 SD Abweichung von der Alters- oder Klassennorm oder unterdurchschnittliche Intelligenz bei Leistungen unter PR 16.
- 1 SD Abweichung, wenn klinische Untersuchung und psychometrische Verfahren Leseschwierigkeiten bestätigen.
- Rechtschreibstörung: Diagnostik von orthografischem Schreiben und qualitative Fehleranalyse (DERET 1-2, DERET 3-4, HSP 1-10, SLRT II, WRT-1+ bis WRT-4+, RST-ARR).
- Kriterium: ab 1,5 SD Abweichung von der Alters- oder Klassennorm oder unterdurchschnittliche Intelligenz bei Leistungen unter PR 16.
- 1 SD Abweichung, wenn klinische Untersuchung und psychometrische Verfahren Rechtschreibschwierigkeiten bestätigen.
- Lese- und/oder Rechtschreibstörung mit Komorbidität: Berücksichtigung von ADHS, Dyskalkulie, Sprachstörungen, Angst, Depression oder anderen psychischen Auffälligkeiten unter Berücksichtigung von ICD-10 und DSM-5.
Je nach Diagnose werden spezifische Fördermaßnahmen empfohlen, z.B. Leseförderung, Rechtschreibförderung oder kombinierte Lese-Rechtschreibförderung, wobei Komorbiditäten immer mitbehandelt werden müssen.
Häufig gestellte Fragen zur Diagnostik von Lese-Rechtschreibstörungen
Welche Rolle spielt die phonologische Bewusstheit bei LRS?
Die phonologische Bewusstheit ist eine grundlegende Fähigkeit, Laute und Silben in der Sprache zu erkennen und zu manipulieren. Sie gilt als eine der wichtigsten Voraussetzungen für den erfolgreichen Erwerb von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten. Tests wie die BAPS überprüfen diese Fähigkeit, da Defizite hier oft auf spätere LRS hinweisen.
Wie wird die Intelligenz bei der LRS-Diagnostik berücksichtigt?
Die Intelligenzdiagnostik ist unbedingt erforderlich, um das sogenannte Diskrepanzkriterium festzustellen. Eine Lese-Rechtschreibstörung wird diagnostiziert, wenn die Lese- und/oder Rechtschreibleistungen eines Kindes deutlich unter dem Niveau liegen, das aufgrund seines Alters und seiner allgemeinen Intelligenz zu erwarten wäre. Ist die Intelligenz selbst unterdurchschnittlich, handelt es sich nicht primär um eine LRS im engeren Sinne, sondern um eine globale Lernbeeinträchtigung.
Was sind die Unterschiede zwischen SLS 2-9 und SLRT-II?
Das SLS 2-9 ist ein Screening-Verfahren für Klassen, das primär die basale Leseflüssigkeit (Wortlesen) in kurzer Zeit erfasst und Leseprobleme identifiziert. Der SLRT-II hingegen ist ein differenziertes Diagnoseinstrument, das sowohl die Lese- als auch die Rechtschreibleistung detaillierter untersucht. Er bietet spezifische Subtests für Wort- und Pseudowortlesen sowie einen Rechtschreibtest mit Fehleranalyse und ist somit für die Erstellung individueller Förderpläne besser geeignet.
Warum werden im SLRT-II Pseudowörter zum Lesen verwendet?
Pseudowörter sind erfundene Wörter, die keinen Sinn ergeben. Sie werden verwendet, um die reine Fähigkeit zur phonologischen Dekodierung zu testen, also die Umwandlung von Buchstaben in Laute ohne die Hilfe von Wortbedeutung oder visuellem Gedächtnis. Das Lesen von Pseudowörtern zeigt, wie gut ein Kind die grundlegenden Lese-Regeln beherrscht und ob es Schwierigkeiten beim synthetischen (lautierenden) Lesen hat.
Welche Fehlerkategorien werden im Rechtschreibtest des SLRT-II unterschieden?
Im Rechtschreibtest des SLRT-II werden hauptsächlich drei Fehlerkategorien unterschieden: N-Fehler (nicht lauttreu), bei denen das Geschriebene nicht dem gesprochenen Wortklang entspricht (z.B. fehlende oder falsche Laute); O-Fehler (orthografisch), bei denen die Schreibung lauttreu ist, aber gegen Rechtschreibregeln verstößt (z.B. falsche Vokallänge, stummes "h"); und GK-Fehler (Groß-/Kleinschreibung), die Verstöße gegen die Groß- und Kleinschreibungsregeln betreffen. Die Unterscheidung hilft, spezifische Förderschwerpunkte zu identifizieren.