Querschnittslähmung ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben Betroffener nachhaltig verändert. Dieser umfassende Artikel bietet Studierenden und Interessierten eine detaillierte Einführung in die Querschnittslähmung: Ursachen, Diagnostik und Therapie. Wir beleuchten die verschiedenen Formen, die diagnostischen Schritte sowie die vielfältigen Therapieansätze, die auf eine maximale Selbstständigkeit abzielen. Erfahren Sie mehr über diese komplexe neurologische Erkrankung und ihre Auswirkungen auf den Körper.
Was ist eine Querschnittslähmung? Definition, Arten und Ursachen
Eine Querschnittslähmung beschreibt ein Lähmungsbild, das aus einer kompletten oder inkompletten Schädigung des Rückenmarks resultiert. Sie umfasst den Ausfall motorischer, sensibler und vegetativer Funktionen in und unterhalb der Läsionshöhe. Das Rückenmark, ein Teil des zentralen Nervensystems (ZNS), fungiert als Informationsvermittler zwischen ZNS und peripherem Nervensystem (PNS).
Definition und Arten der Querschnittslähmung
Die Art der Lähmung hängt von der Höhe und dem Ausmaß der Rückenmarksschädigung ab:
- Tetraplegie: Hierbei ist das Rückenmark im Bereich C1 bis C8 gestört. Dies führt zu Einschränkungen der motorischen, sensiblen und vegetativen Funktionen der oberen Extremitäten (OEX), des Rumpfes und der unteren Extremitäten (UEX).
- Komplette Tetraplegie: Betrifft funktionell den kompletten Bereich. Die motorischen, sensiblen und vegetativen Funktionen der OEX, des Rumpfes und der UEX sind gestört.
- Inkomplette Tetraplegie: Die Störung betrifft funktionell nicht den kompletten Bereich, es bleiben Restfunktionen erhalten.
- Paraplegie: Hier ist das Rückenmark ab TH1 gestört. Dies beeinträchtigt die motorischen, sensiblen und vegetativen Funktionen des Rumpfes und der UEX.
- Komplette Paraplegie: Betrifft funktionell den kompletten Bereich des Rumpfes und der UEX.
- Inkomplette Paraplegie: Die Störung betrifft funktionell nicht den kompletten Bereich, es bleiben Restfunktionen erhalten. Hier sind alle Variationen möglich, z.B. eine komplette motorische mit inkompletter sensibler Paraplegie.
Epidemiologie: Wer ist betroffen?
Aktuell wird die Gesamtzahl der Querschnittsgelähmten in Deutschland auf etwa 100.000 Menschen geschätzt. Jährlich erleiden etwa 2200 Menschen in Deutschland eine Rückenmarksverletzung. Die Verteilung zeigt tendenziell:
- Paraplegiker vs. Tetraplegiker: 60 % vs. 40 %
- Komplette vs. inkomplette Lähmung: 50 % vs. 50 %
- Männer vs. Frauen: 67 % vs. 33 %
Ursachen: Traumatisch vs. Nicht-Traumatisch
Die Ursachen für eine Querschnittslähmung sind vielfältig und werden grundsätzlich in traumatische und nicht-traumatische Fälle unterteilt.
- Traumatische Ursachen (häufigste): Sie entstehen durch äußere Gewalteinwirkung und führen zu Frakturen im Bereich der Wirbelsäule mit vollständiger oder teilweiser Einengung des Rückenmarks. Beispiele sind Verkehrsunfälle, Haushaltsunfälle, Arbeits- und Sportunfälle sowie Suizidversuche.
- Nicht-Traumatische Ursachen: Diese umfassen eine Reihe von Erkrankungen und Veränderungen:
- Entzündliche Erkrankungen des Rückenmarks (z.B. Myelitis, Spondylitis).
- Raumfordernde Prozesse wie Abszesse, Tumore oder Metastasen.
- Degenerative Veränderungen des Rückenmarks, der Wirbelsäule, der Bandscheiben, der Gefäße sowie osteoporotische Frakturen.
- Neurologische Systemerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS) oder Syringomyelie.
- Angeborene Fehlbildungen von Rückenmark, Rückenmarkshäuten und Wirbelsäule (z.B. Spina Bifida).
Symptome und Auswirkungen der Querschnittslähmung
Die Konsequenzen einer Querschnittslähmung manifestieren sich in einer Trias aus motorischen, sensiblen und vegetativen Störungen. Die genaue Ausprägung hängt von der Höhe und dem Ausmaß der Läsion ab.
Die Trias der Symptome: Motorik, Sensibilität, Vegetativum
Die Schädigung des Rückenmarks beeinträchtigt die Übertragung von Nervenimpulsen, was zu einer Reihe von Ausfällen führt, die in drei Hauptkategorien fallen:
- Motorik: Beeinträchtigung der Willkürbewegungen und des Muskeltonus.
- Sensibilität: Störungen der Empfindungsfähigkeit wie Berührung, Schmerz oder Temperatur.
- Vegetativum: Funktionsstörungen innerer Organe und autonomer Prozesse wie Herz-Kreislauf, Atmung, Blasen- und Darmfunktion.
Motorische Einschränkungen: Schlaff, Spastisch, Kennmuskeln
Motorik bezeichnet die fehlende oder eingeschränkte Willkürmotorik durch mangelnde Innervation der Muskulatur in und unterhalb der Rückenmarksschädigung. Ein wichtiges Symptom ist die Veränderung des Muskeltonus:
- Schlaffe Lähmung (LMNL): Entsteht durch eine Schädigung peripherer Nerven (2. Motorneuron) oder der Cauda Equina (unterhalb L1 immer schlaffe Lähmung). Charakteristisch sind verringerte Reflexe, Muskelhypotonie und Muskelatrophie (z.B. bei Bandscheibenvorfall, Conus-Cauda-Syndrom).
- Spastische Lähmung (UMN): Tritt bei Schädigung des zentralen Motorneurons (1. Motorneuron) auf. Sie zeigt sich durch gesteigerte Reflexe, Muskelhypertonie und pathologische Reflexe (z.B. Schlaganfall, Querschnittslähmung nach spinalem Schock).
Vorteile der Spastik (funktionell nutzbar):
- Kann in Alltagsaktivitäten (ADL) genutzt werden, um Bewegungen zu beschleunigen.
- Erhält die Muskelkapillarisierung (verhindert Atrophie).
- Reduziert die Dekubitus- und Thrombosegefahr.
Nachteile der Spastik:
- Kann ADL beeinträchtigen.
- Erhöht die Kontrakturengefahr und Dekubitusgefahr.
- Verursacht Schlafstörungen und Schmerzen.
- Kann die Atmung beeinträchtigen.
Die Modifizierte Ashworth Skala (MAS) wird zur Bewertung der Spastik verwendet, von Grad 0 (normal) bis Grad 4 (teilweise ROM eingeschränkt, Kontraktur).
Spinaler Schock: Tritt direkt nach der Querschnittslähmung auf und kann mehrere Wochen anhalten. Er ist charakterisiert durch das Fehlen der Muskeleigen- und Fremdreflexe unterhalb der Läsion, schlaffe Parese, Weitstellung der Gefäße, Bradykardie und Verlust der Wärmeregulation. Später entwickelt sich die eigentliche Lähmung und eventuell Spastik.
Kennmuskeln (Myome) sind Muskelgruppen, die überwiegend von einem Rückenmarkssegment versorgt werden und zur Überprüfung der Muskelfunktion des zugehörigen Segments dienen (z.B. C5: Ellenbogenflexoren, L3: Knieextensoren).
Sensibilitätsstörungen: Dermatome und ihre Bedeutung
Sensibilität bezieht sich auf die fehlende, eingeschränkte oder gestörte Wahrnehmung durch mangelnde Innervation der Haut unterhalb der Läsionshöhe.
- Dermatom: Ein Hautgebiet, das vorwiegend von einem Rückenmarkssegment versorgt wird. Überlappungen existieren, sodass fast alle Gebiete von zwei Segmenten innerviert werden.
- Autonomgebiet: Ein Hautgebiet, das nur von einem Rückenmarkssegment innerviert wird.
- Maximalgebiet: Das gesamte Hautgebiet, das von einem Rückenmarkssegment innerviert wird (inklusive Überlappungen).
Die Sensibilität im Bereich eines Dermatoms gibt wichtige Hinweise auf die Verletzungshöhe des Rückenmarksegments (z.B. C4: Acromioclaviculargelenk, T4: Brustwarzenhöhe, L4: medialer Malleolus). C1 besitzt kein Dermatom, da es ein rein motorischer Nerv ist.
Sensibilitätsstörungen umfassen:
- Dysästhesie: Unangenehme oder abnormale Missempfindung auf einen normalen Reiz.
- Hyperästhesie: Überempfindlichkeit für Schmerz-, Temperatur- und Berührungsreize.
- Hypoästhesie: Herabgesetzte Empfindlichkeit für Schmerz-, Temperatur- und Berührungsreize.
- Allodynie: Schmerzempfinden aufgrund eines normalerweise nicht schmerzauslösenden Stimulus.
Vegetative Störungen und ihre Folgen
Vegetative Funktionen werden unwillkürlich gesteuert und sind bei Querschnittlähmung oft stark beeinträchtigt. Zu den Störungen gehören:
- Herz-Kreislaufsystem: Orthostatische Hypotonie (Schwindel, Ohnmacht bei Vertikalisierung durch Wegfall des Sympathikuseinflusses). Maßnahmen: Vertikalisierung beenden, Bauchgurt, Kompressionsstrümpfe, Hydrierung.
- Atmung: Atemmuskeln (Diaphragma C3-C5, Interkostalmuskulatur T1-T12, Bauchmuskulatur) können eingeschränkt sein. Dies führt zu einem geringeren Atemzugvolumen (besonders im Sitzen) und einem schwachen Hustenstoß. Bei Diaphragmainsuffizienz ist Beatmung nötig. Eine paradoxe Atmung ist möglich. Ein Bauchgurt kann im Sitzen das Atemzugvolumen erhöhen. Eine starke Spastik kann die Atmung zusätzlich beeinflussen.
- Thermoregulation: Verlust der Fähigkeit zur Temperaturregelung.
- Verdauung/Stoffwechsel: bis zu 90% der Patienten haben Schwierigkeiten bei der Darmentleerung. Man unterscheidet zwischen dem reflexiven (spastischen) Darm (Läsion oberhalb des Conus medullaris, sakrales Reflexzentrum intakt) und dem areflexiven (schlaffen) Darm (Läsion unterhalb des Conus medullaris, sakrales Reflexzentrum zerstört).
- Blase: Steuerung über das ZNS und PNS. Eine Reflexblase (spastisch) entsteht bei Läsionen oberhalb des spinalen Miktionszentrums, während eine schlaffe (areflexive) Blase bei Unterbrechung der Nervenbindung zum Miktionszentrum auftritt. Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) ist oft die Methode der Wahl.
- Sexualfunktion: Bei Männern sind Erektions-, Ejakulations- und Orgasmusfähigkeit beeinflusst (psychogene und reflektorische Erektionen). Bei Frauen kann die Lubrikation ausbleiben, Fruchtbarkeit und Empfängnis sind jedoch nicht betroffen. Oft verändern sich Orgasmen und Körperwahrnehmungen. Hilfsmittel (Penispumpe, SKAT, Hormone) und eine positive Selbstbildentwicklung sind wichtig.
Diagnostik der Querschnittslähmung: Bewertung und Klassifikation
Die genaue Diagnostik der Querschnittslähmung ist entscheidend für die Therapieplanung und Prognose. Sie umfasst bildgebende Verfahren und eine detaillierte neurologische Untersuchung.
Bildgebende Verfahren
Die Art der Verletzung wird über bildgebende Verfahren wie Röntgen, MRT (Magnetresonanztomographie) und CT (Computertomographie) ermittelt. Diese ermöglichen die Beurteilung der Wirbelsäulenstabilität, anatomiegerechten Form und das Ausmaß der Rückenmarksentlastung.
ASIA Impairment Scale (AIS): Einteilung und Bewertung
Nach der Notfallversorgung erfolgt die detaillierte Diagnostik mittels der ASIA Impairment Scale (AIS), einem weltweit verwendeten Klassifizierungssystem der American Spinal Injury Association (ASIA). Es beurteilt Sensibilität und Motorik der jeweiligen Rückenmarkssegmente und stellt eine Diagnose über Lähmungshöhe und Ausmaß (komplett/inkomplett). Es gibt keine Prognose ab.
Schweregradeinteilung der AIS:
- A = komplett: Keine sensiblen oder motorischen Funktionen in den sakralen Segmenten (S4-S5).
- B = sensibel inkomplett: Keine motorischen Funktionen unterhalb des neurologischen Niveaus, aber erhaltene sensible Funktionen, mindestens in den sakralen Segmenten (S4/S5 – „sakrale Aussparung“).
- C = motorisch inkomplett: Motorische Funktionen unterhalb des neurologischen Niveaus mit einem Muskelkraftgrad von < 3 in der Mehrheit der Kennmuskeln.
- D = motorisch inkomplett: Motorische Funktionen unterhalb des neurologischen Niveaus mit einem Muskelkraftgrad ≥ 3 in der Mehrheit der Kennmuskeln.
- E = normal: Sensible und motorische Funktionen sind normal nach vorangegangenen neurologischen Defiziten.
Für die Einstufung als ASIA A (komplett) ist entscheidend, ob eine anale Kontraktion und Sensibilität (Druckaufbau) in S4/S5 vorhanden sind. Ist dies nicht der Fall, gilt die Querschnittslähmung als komplett, unabhängig von der Funktionalität darüberliegender Segmente.
Kennmuskulatur und Dermatome in der Diagnostik
Die Höhe der motorischen Querschnittlähmung orientiert sich am letzten gesunden Segment (Kennmuskelwert 5). Der erste Kennmuskelwert 3 oder 4 unterhalb des letzten Wertes 5 zählt noch als gesundes Segment. In Bereichen ohne Kennmuskeln orientiert man sich an der Sensibilität.
Muskelbewertung (Scale 0-5):
- 0 = Totale Lähmung
- 1 = Palpable oder sichtbare Kontraktion
- 2 = Aktive Bewegung, voller Bewegungsumfang, Schwerkraft eliminiert
- 3 = Aktive Bewegung, voller Bewegungsumfang, gegen Schwerkraft
- 4 = Aktive Bewegung, voller Bewegungsumfang, gegen Schwerkraft und mit etwas Widerstand
- 5 = Aktive Bewegung, voller Bewegungsumfang, gegen Schwerkraft und mit normalem Widerstand
Die Höhe der sensiblen Querschnittlähmung orientiert sich am letzten gesunden Segment (Scale 2). Eine auffällige Sensibilitätsqualität (rechts/links) reicht aus, um das Segment als „nicht gesund“ einzustufen.
Prüfung der Sensibilität (Key Sensory Points):
- Berührungsempfinden (Watte, Pinsel): Pretest im Gesicht, 1cm lange Striche mit leichtem Druck. Bewertung: 2 Punkte (normal), 1 Punkt (Hyper-/Hypoästhesie), 0 Punkte (kein Gefühl).
- Schmerzempfinden (Spitz-Stumpf-Diskriminierung mit Sicherheitsnadel): Bewertung: 2 Punkte (Unterschied erkennbar/normal), 1 Punkt (Unterschied erkennbar, Intensität anders), 0 Punkte (kein Unterschied erkennbar).
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Rehabilitation und Therapie bei Querschnittslähmung
Die Rehabilitation bei Querschnittlähmung ist ein langwieriger Prozess, der darauf abzielt, die größtmögliche Selbstständigkeit zu erreichen. Die Therapieziele richten sich nach der Läsionshöhe, Patientenmotivation, Komplikationen, Begleitverletzungen, Körperkonstitution und dem Umfeld des Patienten.
Akutphase und Spinaler Schock: Erste Maßnahmen
In der Akutphase und während des spinalen Schocks stehen lebensrettende und prophylaktische Maßnahmen im Vordergrund:
- Pneumonieprophylaxe und Verbesserung der Atemsituation: Atemtherapie mit Atemhilfsgeräten (z.B. Inhalog) ist essenziell. Bei einer Vitalkapazität im Liegen unter 1500ml ist dies besonders wichtig.
- Kontrakturenprophylaxe: Passives, assistives oder aktives Durchbewegen der Gelenke.
- Thromboseprophylaxe: Durch fehlende Muskelpumpe und Vasodilatation besteht ein erhöhtes Thromboserisiko.
- Verbesserung der Kreislaufsituation: Aktive Mobilisation nach Stabilisierung.
- Kräftigung der innervierten/teilinnervierten Muskulatur: Unter Beachtung der Belastungsvorgaben (Knochen-Band-Stabilität, muskuläre Stabilität, Schmerzen).
- Verbesserung der Nervenmobilität: Zur Verhinderung einer Retraumatisierung der Nervenstrukturen. Bewegungsgrenzen werden ermittelt, um diese nicht zu überschreiten.
Physiotherapeutische Behandlung: Ziele und Methoden
Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle in der Rehabilitation von Querschnittslähmungen, sowohl bei Para- als auch bei Tetraplegie. Die Ziele lassen sich im ADL-Bereich (Activities of Daily Living) in folgende Kategorien einteilen:
- Mobilisation / Aktivierung: Förderung der motorischen Entwicklung durch natürliche Aufeinanderfolge von Positionen (Matteprogramm).
- Lagewechsel / Bewegungsübergänge: Wichtige Übergänge bei kompletter QSL sind RL-SL-BL/RL-Sitz. Das Matteprogramm aus PNF ist hierfür die Grundlage, um Patienten mit ihrem veränderten Körper vertraut zu machen.
- Transfers: Rollstuhl-Bett-Bank und Autotransfer werden intensiv geübt.
- Rollstuhlfähigkeiten: Erlernen grundlegender Fähigkeiten (Anfahren, Bremsen, Drehen) bis hin zu fortgeschrittenen Techniken (Bordsteinkanten, Steigungen, verschiedene Beläge).
- Gehfähigkeit: Abhängig von Lähmungshöhe und Ausmaß, kann ein Gehtraining mit Orthesen, Hilfsmitteln (Rollator, Unterarmgehstützen) oder sogar Exoskeletten erfolgen.
Weitere PT-Ziele umfassen die Verbesserung von Schmerzen und Spastik, Anleitung zu selbstständigem Durchbewegen sowie die Einbeziehung und Anleitung von Angehörigen.
Spezielle Therapieansätze für Tetraplegiker
Bei Tetraplegikern sind spezifische Maßnahmen und Ziele von großer Bedeutung:
- HWS-Krawatte: Tragen eines HWS-Kragens für 4 Wochen bei nur ventraler Versorgung. Bei dorso-ventraler Stabilisierung meist nicht nötig.
- Funktionshand: Bei Läsionen C5/C6/C7 ist die Entwicklung einer Funktionshand erstrebenswert. Dies ermöglicht eine Greiffunktion ohne Innervation der Fingermuskulatur. Wichtig ist die Lagerung der Hand in 30° Dorsalextension, 90° Flexion MCPs, 90° PIPs, um eine Verkürzung der Fingerflexoren zu fördern. Die Gelenkbeweglichkeit der Finger in Extension muss erhalten bleiben, darf aber niemals aufgedehnt werden, da sonst die Möglichkeit einer Funktionshand verloren geht. Angehörige müssen entsprechend aufgeklärt werden.
- Passive Funktionshand: Bei fehlender aktiver Handgelenksbeweglichkeit (C6) wird Schwerkraft und Supinationsbewegung genutzt, um die Hand zu schließen.
- Aktive Funktionshand: Bei aktiver Handgelenksextension (C6) schließen sich die Finger aktiv.
- Trickextension: Bei fehlender Trizepsfunktion (Tetraplegie) wird durch Schulteradduktion und Außenrotation mit Punctum Fixum der Hände eine passive Ellenbogenextension erreicht. Dies erleichtert ADL und Transfers.
- Rollstuhlfahren: Aktivrollstuhlfahren ist allen Tetraplegikern mit Trizeps- und/oder Ellenbogen-Trickextension erlaubt. Bei hohen kompletten Tetraplegien (C1-C4) kommen Elektrorollstühle mit Kinn-, Augen-, Saug-Blas- oder speziellen Handsteuerungen zum Einsatz.
Spezielle Therapieansätze für Paraplegiker
Auch für Paraplegiker gibt es spezifische Nachbehandlungsrichtlinien:
- Kein Langsitz für 6 Wochen: Bei traumatischer Querschnittlähmung kommt es zu Veränderungen der Beweglichkeit des Nervensystems, was eine Schutzspannung der Muskeln reflektorisch auslöst, um eine Dehnung der Nerven zu verhindern. Ein langes Überschreiten dieser Bewegungsgrenzen (z.B. Langsitz) behindert die Wiederherstellung und verursacht Schmerzen.
- Transfer ohne Anheben der Beine für 8 Wochen.
- Rollstuhltraining mit höheren Belastungen (Schräge fahren, Kanteln) erst nach 8 Wochen.
- Gehtraining: Bei Paraplegie L2 ist Gehen mit Orthesen im Gehbarren möglich, oft eher zur Kontrakturprophylaxe und psychologischen Unterstützung. Ab L3/L4 kann intensives Lokomotionstraining mit Orthesen und Unterarmgehstützen erfolgen. Moderne Ansätze umfassen Laufbandtraining mit Körpergewichtsentlastung, Lokomats oder Exoskelette.
Komplikationen und Management
Querschnittslähmung kann verschiedene Komplikationen nach sich ziehen:
- Dekubiti (Druckgeschwüre): Häufig aufgrund reduzierter Sensibilität und Motorik, veränderten Muskeltonus, Durchblutung und Stoffwechsel. Klassifikation in Grad 1-4. Interventionen umfassen Hautpflege, Hautkontrolle, Druckvermeidung, spezielle Matratzen/Sitzkissen, Lagerung (z.B. 30°-Schräglagerung) und Vermeidung von Scherbelastung.
- PAO (Periartikuläre Ossifikation): Verknöcherungsprozess von Weichteilen und Gelenken, häufig in der Umgebung großer Gelenke (Hüftgelenk). Symptome im Frühstadium sind Entzündungszeichen, später Bewegungseinschränkung und Schmerzen. Therapie: konsequente Mobilisation, hochdosierte Röntgenbestrahlung, ggf. OP nach Abschluss des Krankheitsprozesses.
- Kontrakturen: Muskelverkürzungen durch Tonuserhöhung, Bewegungsmangel, muskuläre Dysbalancen oder schlechte Lagerung.
- Schmerzen: Nozizeptiv (akut bei Wirbelsäulentrauma) oder neuropathisch (entsteht durch Nervenquetschung, -kompression, -durchtrennung). Neuropathische Schmerzen werden oft gürtelförmig beschrieben und sind medikamentös schwer einzustellen.
- Thrombose, Pneumonie, Osteoporose (Inaktivitätsosteoporose), Inkontinenz.
- Autonome Dysreflexie: Vegetative Entgleisung bei kompletter/inkompletter QSL oberhalb Th6 durch Dehnung von Hohlräumen unterhalb der Lähmung. Führt zu lebensbedrohlichem Bluthochdruck (Anzeichen: Gänsehaut, Schwitzen, Kopfschmerzen, Gesichtsrötung). Maßnahmen: Oberkörperhochlagerung, sofortige Behebung der Ursache (Blasen-/Darmprobleme, Hautentzündungen, zu enge Kleidung).
Rollstühle und Rollstuhlanpassung: Ergonomie im Alltag
Die Wahl und Anpassung des Rollstuhls ist entscheidend für die Mobilität und Lebensqualität. Ein korrekt angepasster Rollstuhl kann viele Folgeprobleme vermeiden.
Arten von Rollstühlen und ihre Anpassung
- Elektrorollstuhl: Bei hoher kompletter Tetraplegie (C1-C4) mit komplexen Steuerungen (Kinn, Auge, Saug-Blas, spezielle Handsteuerungen).
- Aktivrollstuhl: Für komplette Tetraplegiker sub C5 (auf ebenen Flächen, im Gelände elektrisch unterstützt) und Paraplegiker. Aktivrollstühle bieten viele Einstellungsmöglichkeiten (Festrahmen, Faltrollstuhl), eventuell mit Elektro-/Zugunterstützung fürs Gelände.
- Standardrollstuhl und Pflegerollstuhl: Werden ebenfalls eingesetzt, je nach den individuellen Bedürfnissen.
Wichtige Kriterien zur Rollstuhlanpassung (Aktivrollstuhl):
- Sitzbreite: Nur eine Hand (hochkant) zwischen Patient und Seitenrohr.
- Sitztiefe: 2-3 cm zwischen Kniekehle und Sitzspannung.
- Sitzhöhe: ca. 3 cm Bodenfreiheit.
- Vordere und hintere Sitzhöhe (Sitzgefälle): Abhängig von der Lähmungshöhe (je weniger Sitzgefälle, desto aktiver der Patient). Optimale Gewichtsverteilung: 80 % hinten, 20 % vorne.
- Rückenhöhe: Lähmungsabhängig; Schulterblätter sollten frei sein.
- Fußrasten: Durchgehend (mehr Stabilität, vorteilhaft für komplett Gelähmte) oder geteilt (weniger Stabilität, vorteilhaft für inkomplett Gelähmte bei Transfers).
Auswirkungen fehlerhafter Rollstuhlanpassung
Eine mangelhafte Rollstuhlanpassung kann schwerwiegende körperliche und mobile Auswirkungen haben:
- Körperliche Auswirkungen: Haltungsschäden, Verlust der Körperstabilität, Überlastung von Hals-, Schulter-, Hand- und Ellenbogengelenken, Verkürzung von Bauch- bzw. Brustmuskulatur, Abbau aktiver Muskulatur, erhöhte Verletzungs- und Dekubitusgefahr, Schmerzen.
- Auswirkungen auf die Mobilität: Schlechte Rolleigenschaften, verringerte Wendigkeit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit des Oberkörpers, verringerte Reichweite und Möglichkeiten bei der Rollstuhlhandhabung.
Rollstuhlsport fördert Aktivität, Teilhabe, Lebensqualität, Selbstvertrauen und beugt Folgeerkrankungen vor. Hierfür werden spezifische Sportrollstühle eingesetzt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Querschnittslähmung
Was sind die häufigsten Ursachen für eine Querschnittslähmung?
Die häufigsten Ursachen sind traumatisch bedingt, wie Verkehrsunfälle, Stürze oder Sportunfälle, die zu Frakturen der Wirbelsäule mit Rückenmarksschädigung führen. Nicht-traumatische Ursachen umfassen Entzündungen, Tumore oder degenerative Erkrankungen des Rückenmarks.
Welche Rolle spielt die ASIA-Klassifikation bei der Diagnose?
Die ASIA Impairment Scale (AIS) ist ein weltweit anerkanntes System zur Bewertung des Ausmaßes einer Querschnittslähmung. Sie klassifiziert die Lähmungshöhe und den Grad der Sensibilitäts- und Motorikbeeinträchtigung (A=komplett bis E=normal), was entscheidend für die Therapieplanung ist, aber keine Prognose über die Genesung trifft.
Warum ist eine frühe Rehabilitation so wichtig?
Eine frühzeitige Rehabilitation ist entscheidend, um Komplikationen wie Kontrakturen, Dekubiti oder Pneumonie vorzubeugen, die vorhandene Restfunktion zu maximieren und die Selbstständigkeit im Alltag so weit wie möglich wiederherzustellen. Sie beginnt bereits in der Akutphase mit Prophylaxen und gezieltem Training.