Podcast über Mental Coaching: Theorie und Praxis

Mental Coaching: Theorie & Praxis – Dein Leitfaden für Studierende

Podcast

Die Kunst des Coachings0:00 / 25:04
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MiaDie meisten Leute denken, bei Coaching geht es nur darum, gute Ratschläge oder eine Motivationsrede zu bekommen.
PaulGenau. Aber tatsächlich beginnt das wirkungsvollste Coaching lange bevor der erste Ratschlag fällt. Es startet mit einem Prozess in fünf Stufen, bei dem man ein Problem erst einmal erkennt – fast so, als würde man einen Berggipfel im Nebel erahnen.
Kapitel

Die Kunst des Coachings

Délka: 25 minut

Kapitoly

Die Fünf Stufen der Problemerkennung

Das Problem anerkennen

Die wahren Auswirkungen

Wege zum Gipfel finden

Die Gedanken-Berglandschaft neu gestalten

Das Museum für alte Glaubenssätze

Die Kommandozentrale

Die Chefs im Gehirn

Glück zum Selbermachen

Das innere Team

Jeder meint es gut

Im Dialog mit den Anteilen

Der Schutz der Schwachen

Der Chef im Ring

Die Werkzeuge des Dirigenten

Ein Bodyguard für die Seele

Das Team im Dialog

Guter Stress, schlechter Stress

Körper im Ausnahmezustand

Expedition zum Mount Solution

Die innere Stimme treffen

Eine Fantasiereise

Fazit und Abschied

Přepis

Mia: Die meisten Leute denken, bei Coaching geht es nur darum, gute Ratschläge oder eine Motivationsrede zu bekommen.

Paul: Genau. Aber tatsächlich beginnt das wirkungsvollste Coaching lange bevor der erste Ratschlag fällt. Es startet mit einem Prozess in fünf Stufen, bei dem man ein Problem erst einmal erkennt – fast so, als würde man einen Berggipfel im Nebel erahnen.

Mia: Ein Berggipfel im Nebel? Das klingt geheimnisvoll. Willkommen zum Studyfi Podcast.

Paul: Lass uns das mal aufdröseln. Stell dir vor, Coaching ist wie eine Bergtour. Alles beginnt mit Stufe eins: den ersten Anzeichen.

Mia: Okay, was wären denn solche Anzeichen?

Paul: Nehmen wir ein Beispiel: Gian, ein Manager. Ab und zu kann er abends nicht einschlafen, weil er über die Arbeit grübelt. Einmal wacht er sogar mitten in der Nacht auf wegen eines Meetings am nächsten Tag. Das sind erst mal nur vereinzelte Momente.

Mia: Man spürt, da ist was, aber man weiß noch nicht, was genau. Wie der Gipfel im Nebel, den du erwähnt hast.

Paul: Exakt! Viele ignorieren das schon. Aber wenn man dranbleibt, kommt man zu Stufe zwei: der Existenz.

Mia: Existenz? Heißt das, man gibt zu, dass es ein Problem gibt?

Paul: Genau. Es geht darum zu erkennen, dass das keine zufälligen Ereignisse sind. Gian bemerkt zum Beispiel: 'Hey, ich habe immer öfter Einschlafprobleme, und es geht dabei fast immer um die Arbeit.'

Mia: Er sieht also ein Muster.

Paul: Richtig. In unserer Berg-Metapher wird die Silhouette des Gipfelkreuzes im Nebel langsam sichtbar. Man erahnt das Ziel, den Gipfel, den man erklimmen will.

Mia: Aber man kann es immer noch ignorieren, oder? Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute sagen: 'Ach, das ist nur eine stressige Phase.'

Paul: Absolut. Und das ist der kritische Punkt. Vor jedem Stufenwechsel lauert die Ignoranz. Man kann immer Ausreden finden – 'Ich bin halt so', 'Meine Chefin ist schuld' oder 'Die Familie fordert mich eben'.

Mia: Klassiker! Kenne ich nur zu gut.

Paul: Wenn Gian aber weitermacht, erreicht er Stufe drei: die Dimension. Hier wird ihm das Ausmaß des Problems bewusst. Es geht nicht mehr nur um schlechten Schlaf.

Mia: Sondern?

Paul: Er merkt, dass er sich nicht erholt. Das führt zu Unkonzentriertheit, zu Fehlern bei der Arbeit, und das wiederum führt zu noch mehr Grübeln. Ein Teufelskreis.

Mia: Ah, jetzt verstehe ich. Er erkennt, dass das langfristig seiner Gesundheit schadet.

Paul: Genau. Im Berg-Bild ist das der Moment, wo man direkt vor der letzten Felswand vor dem Gipfel steht. Das Hindernis scheint riesig und unüberwindbar.

Mia: Okay, das klingt ziemlich entmutigend. Was kommt dann?

Paul: Jetzt kommt der spannende Teil! Stufe vier: die Optionen. Weil Gian die Tragweite jetzt kennt, kann er aktiv nach Lösungen suchen.

Mia: Also Brainstorming für sich selbst?

Paul: Ja! Er googelt, redet mit Freunden, sucht nach Fachleuten. Die Liste der Optionen ist lang: Medikamente, autogenes Training, kündigen, ein Coaching, Spaziergänge... oder das Fernsehprogramm von ARTE.

Mia: Okay, die letzte Option ist interessant! Aber es geht darum, den Horizont zu erweitern, richtig?

Paul: Exakt. In der Berg-Metapher schaut man sich jetzt alle möglichen Routen an, die zum Gipfel führen. Es gibt nicht nur den einen Weg.

Mia: Und dann kommt die letzte Stufe, nehme ich an?

Paul: Stufe fünf: das Knowhow. Gian entscheidet sich für eine Option. Sagen wir, er will den Job behalten, sich aber besser abgrenzen. Er meldet sich zu einem Yogakurs an und beginnt ein Coaching, um neue Techniken zu lernen.

Mia: Er rüstet sich also für die gewählte Route aus. Er packt die richtigen Schuhe ein, nimmt vielleicht ein Seil mit und heuert einen Bergführer an – den Coach.

Paul: Perfekt zusammengefasst. Das ist der Weg von einer vagen Ahnung zu einem konkreten Plan.

Mia: Der Coach als Bergführer gefällt mir. Aber was ist, wenn der größte Berg in unserem eigenen Kopf ist? Ich denke da an diese fiesen, einschränkenden Glaubenssätze.

Paul: Sehr guter Punkt, Mia! Ein zentraler Teil im Coaching ist genau das: alte, hinderliche Glaubenssätze durch neue, unterstützende zu ersetzen.

Mia: Wie macht man das? Kann man die einfach so austauschen wie eine Glühbirne?

Paul: Nicht ganz so einfach, aber es gibt eine tolle Methode, die mit sogenannten 'Bodenankern' arbeitet. Man legt dabei Zettel auf den Boden, die verschiedene Stationen symbolisieren.

Mia: Okay, jetzt bin ich neugierig. Was sind das für Stationen?

Paul: Man startet bei seinen einschränkenden Glaubenssätzen, zum Beispiel 'Ich bin nicht gut genug'. Dann geht man zu einer Position, die 'Zweifel' heißt. Und dann kommt mein Lieblingsteil: eine Position namens 'Museum'.

Mia: Ein Museum? Soll ich meine alten Glaubenssätze einrahmen und an die Wand hängen?

Paul: Fast! Die Idee ist, dass du deine alten Glaubenssätze würdevoll verabschiedest. Sie waren mal nützlich, sie haben dich beschützt. Im Museum werden sie als wertvoller Teil deiner Geschichte ausgestellt. Du schaust sie dir an, aber du nimmst sie nicht mehr mit.

Mia: Das ist ein starkes Bild! Man wirft sie nicht einfach wütend weg, sondern ehrt sie als Teil des Weges und geht dann weiter.

Paul: Genau. Danach gehst du auf die Position 'Annahme', nimmst dann deine neuen, unterstützenden Glaubenssätze auf und gehst zur letzten Position, der 'Integration', um sie im Körper zu verankern. Man durchläuft diesen Kreis mehrmals, bis sich die neuen Sätze richtig anfühlen.

Mia: Wow. Das ist ja viel mehr als nur Reden. Das ist ja richtig aktive Arbeit mit Körper und Raum.

Paul: Absolut. Coaching ist ein strukturierter Prozess, um die eigene Landschaft – sowohl die äußere als auch die innere – neu zu gestalten und den Gipfel sicher zu erreichen.

Mia: Diese innere Landschaft neu zu gestalten... das klingt, als ob da im Gehirn richtig was passiert. Wie hängt das mit unseren Hormonen zusammen?

Paul: Eine super Frage, Mia. Denk an die Hypophyse. Das ist die eigentliche Schnittstelle zwischen dem Gehirn und den Hormonen. Sie ist quasi der Dirigent des Körperorchesters.

Mia: Dirigent? Also, sie gibt den Takt vor und sagt allen, was zu tun ist?

Paul: Genau. Während Nervenimpulse wie schnelle E-Mails an einzelne Muskeln sind, sind Hormone eine Art Rundmail an den ganzen Körper. Zack, und alle wissen Bescheid.

Mia: Eine Rundmail an den ganzen Körper, das gefällt mir! Das erklärt, warum uns Emotionen manchmal so komplett überrollen können.

Paul: Absolut. Der Hypothalamus ist dabei das eigentliche Steuerzentrum. Er managt alles... Blutdruck, Körpertemperatur, Hunger, Durst, sogar unseren Schlaf-Wach-Rhythmus.

Mia: Wow, ein ziemlicher Manager also. Und der Thalamus, der in den Abbildungen oft daneben liegt? Was ist seine Aufgabe?

Paul: Der ist sozusagen der Türsteher oder der Informationsfilter für das Grosshirn. Er entscheidet, welche Reize wichtig genug sind, um durchzukommen.

Mia: Okay, das ist die Hardware. Aber wie können wir die Software, also unsere Gefühle, aktiv beeinflussen? Ich denke da an die berühmten Glückshormone.

Paul: Ein super wichtiger Punkt. Wir können das tatsächlich steuern. Für Serotonin, den Stimmungsaufheller, geh einfach in die Sonne oder mach einen Spaziergang.

Mia: Und für Dopamin, das Belohnungshormon? Reicht es, wenn ich ein Stück Schokolade esse?

Paul: Das hilft eher für Endorphine, die körpereigenen Schmerzhemmer! Für Dopamin feiere lieber kleine Erfolge oder hak eine Aufgabe von deiner To-do-Liste ab.

Mia: Ah, das ist der Trick! Und was ist mit Oxytocin, dem Kuschelhormon?

Paul: Da hilft schon, einen Hund zu streicheln oder einem Freund ein ehrliches Kompliment zu machen. Es geht um soziale Verbindung.

Mia: Das ist so faszinierend. Wir haben also eine eingebaute Apotheke für gute Laune. Das leitet perfekt über zu unserem nächsten Thema: Wie genau beeinflusst Stress dieses empfindliche System?

Paul: Exakt. Stress ist quasi der Störenfried in dieser inneren Apotheke. Er bringt unser System durcheinander. Und das führt uns perfekt zu einer unglaublich spannenden Idee: der Arbeit mit unseren 'inneren Anteilen'.

Mia: Innere Anteile? Das klingt… nach einer Wohngemeinschaft in meinem Kopf.

Paul: Das ist eine grossartige Analogie! Stell es dir genau so vor. In dir lebt ein ganzes Team. Da gibt’s den inneren Kritiker, den Antreiber, den Faulenzer, das verspielte Kind… unzählige Anteile.

Mia: Okay, in meiner Kopf-WG will der Faule immer die Fernbedienung, während der Ehrgeizige schon den nächsten Marathon plant. Klingt nach Chaos.

Paul: Kann es sein, aber hier kommt der Clou: Jeder einzelne dieser Teile will nur das Beste für das Gesamtsystem – also für dich. Jeder Teil ist wichtig und verdient Würdigung.

Mia: Auch der innere Kritiker, der mir sagt, dass diese Podcast-Folge furchtbar wird?

Paul: Ja, auch der. Seine Absicht ist vielleicht, dich vor Fehlern zu schützen. Er will, dass du gut bist. Das Problem ist nur: Diese Teile kennen keine Kompromisse. Sie sind radikal in ihrer Vorgehensweise.

Mia: Radikal? Das heisst, der Kritiker will mich nicht *ein bisschen* schützen, sondern am liebsten in Watte packen, damit ja nichts schiefgeht?

Paul: Genau das. Oder nehmen wir ein klassisches Beispiel: den Perfektionisten. Ich hatte mal einen Klienten, einen Landschaftsgärtner. Ein super Typ, aber er konnte abends nie abschalten.

Mia: Warum nicht?

Paul: Weil sein innerer Perfektionist Überstunden gemacht hat. Er ist im Kopf immer wieder alle Baustellen durchgegangen. Was lief nicht optimal? Wo könnte ein Fehler sein?

Mia: Oh je, das ist anstrengend. Man kann einen Garten doch nicht perfektionieren, oder? Da wächst ja alles, wie es will.

Paul: Richtig! Auf einer Baustelle ist Improvisation gefragt, keine absolute Perfektion. Aber sein Perfektionist hatte die Führung übernommen. Das ganze System war im Ungleichgewicht.

Mia: Und was macht man dann? Dem Perfektionisten kündigen?

Paul: Auf keinen Fall! Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man darf einen Anteil niemals eliminieren oder mundtot machen. Sonst wehrt er sich nur noch vehementer. Manchmal sogar nachts in deinen Träumen.

Mia: Gruselig. Also was dann? Eine Abmahnung?

Paul: Eher ein Mitarbeitergespräch. Wir sind in einen sogenannten „Voice Dialogue“ gegangen. Ich habe direkt mit seinem Perfektionisten gesprochen.

Mia: Du hast mit einem… Teil von ihm geredet? Wie funktioniert das denn?

Paul: Man bittet den Klienten, dem Anteil quasi seine Stimme zu leihen. Ich habe den Perfektionisten dann für seinen Einsatz gelobt. Dank ihm hat der Klient es von der Realschule in die Ausbildung zum Polier geschafft.

Mia: Ah, man würdigt also zuerst die positive Absicht. Das ist clever.

Paul: Ja, der Teil muss sich ernst genommen fühlen. Dann habe ich mit ihm verhandelt. Wir haben eine Abmachung getroffen: Sobald der Klient seine Arbeitskleider auszieht, gibt der Perfektionist Ruhe in Bezug auf die Arbeit.

Mia: Und… hat er sich daran gehalten?

Paul: Er war einverstanden! Er hat eingesehen, dass er manchmal hinderlich ist. Der Deal war, dass er sich auf der Baustelle melden darf, seine Meinung aber nicht immer umgesetzt wird. Er ist ja nur eine Stimme im Team, nicht der Diktator.

Mia: Das ist faszinierend. Man schliesst Verträge mit sich selbst ab. Oder mit den eigenen Teilen.

Paul: Genau. Es geht darum, die aktuelle Situation anzuschauen – den Ist-Zustand – ohne gross zu analysieren, warum ein Teil zu laut geworden ist. Wer spricht gerade? Wer sollte lauter werden? Wer muss vielleicht ein bisschen erzogen werden?

Mia: Das leuchtet ein. Aber was ist mit Anteilen, die nicht zu laut, sondern eher… zu leise sind? So verletzliche oder ängstliche Teile?

Paul: Eine sehr wichtige Frage. Manchmal muss man einen verletzlichen Anteil aktiv schützen, damit man in heiklen Situationen nicht so verwundbar ist. Dafür gibt es eine wundervolle Technik.

Mia: Die will ich hören!

Paul: Man installiert einen inneren Bodyguard.

Mia: Einen Bodyguard? Wie Kevin Costner in dem Film?

Paul: Absolut! Das kann Kevin Costner sein, Winnetou, eine Fantasiegestalt oder ein starker Teil von dir selbst. Du gehst gedanklich in dein inneres Parlament und schreibst die Stelle aus.

Mia: Und dann bewerben sich Kandidaten?

Paul: Genau. Du schaust, wer auftaucht, und wählst jemanden aus. Dann stellst du diesen Bodyguard deinem verletzlichen Anteil vor. Die beiden müssen sich wohlfühlen miteinander. Man vereinbart erstmal eine Probezeit.

Mia: Und was macht der Bodyguard dann? Schiebt er den verletzlichen Teil aus der Schusslinie, wenn's brenzlig wird?

Paul: Exakt. Wenn du zum Beispiel ein schwieriges Gespräch vor dir hast, kannst du den verletzlichen Anteil mit seinem Bodyguard bewusst vor der Tür lassen. Allein würde der nie warten. Aber mit dem Bodyguard fühlt er sich sicher.

Mia: Das ist so ein starkes Bild. Es geht also darum, wieder die Kontrolle zu übernehmen und das Team aktiv zu managen.

Paul: Das ist der entscheidende Punkt. Du bist der Chef oder die Chefin deines inneren Teams. Die Ausgewogenheit kommt nur durch die Gesamtheit aller Teile zustande, aber die letzte Entscheidung triffst du.

Mia: Und wenn ein Anteil, sagen wir mal der Rebell, den angestammten Platz verlässt und sich direkt neben den Chef-Sessel setzt?

Paul: Dann muss man ihn wieder an seinen Platz schicken. Das wird ihm nicht gefallen, er wird sich wehren. Da braucht es dann eine ganz klare Ansage vom Chef. Man muss quasi üben, innerlich streng zu sein.

Mia: Puh. Das ist eine Menge Management-Arbeit. Aber es klingt auch so, als ob man dadurch viel mehr Frieden in sich selbst finden kann.

Paul: Absolut. Der erste Schritt ist immer, innezuhalten und sich zu fragen: Welcher innere Teil spricht da gerade? Was ist seine positive Absicht? Und was sagen die anderen dazu? So gibst du nicht nur einer Stimme die Macht, sondern hörst das ganze Orchester.

Mia: Das Orchester im Kopf dirigieren... Das gefällt mir. Das nimmt dem Ganzen den Schrecken und gibt mir das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Das ist wirklich ein mächtiges Werkzeug, um die eigene Psyche besser zu verstehen.

Paul: Genau. Und diese Handlungsfähigkeit ist nicht nur ein Gefühl, sondern etwas, das wir aktiv trainieren können. Es gibt ganz konkrete Techniken, um mit diesen inneren Anteilen zu arbeiten.

Mia: Okay, jetzt bin ich neugierig. Du sprichst von Techniken... gib mir mal ein Beispiel. Wie fange ich an, mit so einem Anteil in Kontakt zu treten?

Paul: Der erste Schritt ist oft die einfachste, aber auch die wichtigste Technik: Dem Anteil bewusst begegnen. Das klingt vielleicht esoterisch, ist es aber nicht. Es bedeutet einfach, sich Zeit zu nehmen und zu sagen: „Okay, innerer Kritiker, ich sehe dich. Lass uns mal reden.“

Mia: Also quasi meinen inneren Kritiker auf einen Kaffee einladen? Ich fürchte, der würde nur die Bohne kritisieren.

Paul: Wahrscheinlich! Aber darum geht's ja. Du nimmst ihm den Wind aus den Segeln, indem du ihn anerkennst, anstatt gegen ihn zu kämpfen. Du fragst ihn, wovor er dich eigentlich beschützen will.

Mia: Das ist ein interessanter Gedanke. Anerkennen statt bekämpfen. Was ist, wenn ein Anteil besonders verletzlich ist und Schutz braucht?

Paul: Eine wunderbare Frage! Dafür gibt es eine Technik, die ich sehr mag: den „Bodyguard installieren“. Hier stellst du dir ganz bewusst eine schützende Figur vor, die diesen verletzlichen Teil abschirmt.

Mia: Ein Bodyguard für die Seele? Brauche ich dafür eine Sonnenbrille und einen Knopf im Ohr?

Paul: Nicht ganz, aber die Grundidee ist dieselbe. Es ist eine starke, präsente Energie, die sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das gibt dem verletzlichen Teil die Sicherheit, die er braucht, um sich zu zeigen und zu heilen.

Mia: Das macht total Sinn. Man schafft einen sicheren inneren Raum. Also, wir können Anteilen begegnen und sie beschützen... aber was passiert, wenn verschiedene Anteile im Clinch liegen? Wenn der Abenteurer verreisen will, aber der Sicherheitsfanatiker die Koffer gar nicht erst packen lässt?

Paul: Das ist der nächste große Schritt. Dann bringen wir die beiden an einen Tisch. Man nennt das zum Beispiel „Voice Dialog“ oder die Arbeit mit dem „Inneren Team“. Und genau das schauen wir uns jetzt genauer an.

Mia: Okay, ein inneres Team-Meeting, bei dem der Abenteurer und der Sicherheitsfanatiker an einem Tisch sitzen. Das stelle ich mir lustig vor. Aber bevor wir die an den Tisch bringen, lass uns über den Auslöser reden: Stress. Das Wort hat ja so einen negativen Beigeschmack.

Paul: Das stimmt, aber das muss es gar nicht haben. Man muss hier unterscheiden. Es gibt nämlich den „Eustress“, das ist positiver Stress. Und dann gibt's den „Distress“, den wir klassisch als negativ empfinden.

Mia: Positiver Stress? Wie kann Stress denn positiv sein? Das klingt wie... gesunder Zucker.

Paul: Guter Vergleich! Stell dir vor, du bereitest dich auf eine Präsentation vor, die dir wichtig ist. Du bist motiviert, fokussiert, dein Körper schüttet Adrenalin aus und du bist total leistungsfähig. Das ist Eustress. Er pusht dich, ohne dir zu schaden.

Mia: Ah, okay. Also Lampenfieber, das einem hilft, anstatt einen zu lähmen. Und Distress ist dann das genaue Gegenteil?

Paul: Genau. Distress ist der Stress, der dich überfordert. Wenn die Reize zu stark, zu häufig oder zu langanhaltend sind und du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren. Das führt dann in einen Teufelskreis.

Mia: Und was genau passiert da im Körper, wenn dieser negative Stress überhandnimmt? Ich meine, man sagt ja oft, man sei „kopflos“ vor Stress.

Paul: Das ist mehr als nur ein Sprichwort. Man kann das sehr gut an der mentalen Belastung sehen. Stell dir eine Skala vor. Bei hundert Prozent Bewältigungsglaube ist alles super, du bist motiviert und vital.

Mia: Klar, das ist der Idealzustand.

Paul: Aber sinkt dein Glaube, dass du die Situation bewältigen kannst, auf vielleicht 50 Prozent, passiert etwas Faszinierendes. Dein Körper leitet die gesamte Energie vom Denkhirn in den Bewegungsapparat um.

Mia: Das heißt...?

Paul: Du wirst buchstäblich kopflos. Das logische Denken setzt aus. Es geht nur noch um Kämpfen oder Fliehen, wie bei einem Tier. Man wird angriffslustig oder aggressiv. Kennst du das, wenn Leute im Stau plötzlich völlig ausrasten?

Mia: Oh ja. Da schaltet das Denkhirn offenbar auf Durchzug. Und wenn die Belastung noch größer wird?

Paul: Dann geht es in Richtung Lähmung. Bei nur noch zehn Prozent Bewältigungsglaube erstarrt man. Der Körper stellt sich tot, man verdrängt alles. Das ist ein reiner Schutzmechanismus, aber natürlich im Alltag absolut hinderlich.

Mia: Das ist heftig. Wie kommt man da wieder raus? Wie führt ein Coach jemanden aus dieser Stress-Lähmung zurück zur Handlungsfähigkeit?

Paul: Dafür gibt es ein tolles Modell, das ich die „Coachingroute auf den Mount Solution“ nenne. Stell dir den Weg zur Lösung wie eine Bergbesteigung vor. Man kann nicht direkt zum Gipfel rennen.

Mia: Man braucht also Basislager, um sich zu akklimatisieren?

Paul: Exakt! Es gibt verschiedene Stufen. Die erste ist oft die pure Ignoranz. Der Klient sagt sowas wie: „Das ist doch kein Problem, das ist nur eine Phase.“ Er erkennt das Problem gar nicht an.

Mia: Und im Coaching hilft man ihm dann, das erste Basislager zu erreichen, also das Problem überhaupt mal zu sehen?

Paul: Genau. Und mit jeder Stufe, die der Klient aufsteigt – vom Erkennen des Problems über das Verstehen der Konsequenzen bis hin zur Suche nach Optionen – übernimmt er mehr Eigenverantwortung.

Paul: Am Anfang ist der Klient noch passiv. Aber je höher er auf diesem Berg steigt, desto aktiver muss er werden. Er muss das Gepäck quasi selbst tragen. Es reicht nicht mehr, nur Fragen zu beantworten. Er muss die Erkenntnisse im Alltag umsetzen.

Mia: Die Kondition muss also mit der Höhe zunehmen. Das macht total Sinn. Der Coach ist also eine Art Bergführer, der den Weg kennt, aber gehen muss man ihn selbst.

Paul: Perfekt zusammengefasst. Der Coach kann den Weg zeigen und unterstützen, aber er kann den Klienten nicht auf den Gipfel tragen. Das ist der springende Punkt bei der Eigenverantwortung.

Mia: Okay, wir wissen jetzt also, wie die Landkarte für diese Expedition aussieht. Aber welche Werkzeuge packen wir denn in unseren Rucksack? Welche konkreten Techniken gibt es da?

Paul: Eine sehr kraftvolle Technik, die wir im Rucksack haben, ist die Hypnotherapie. Aber vergiss alles, was du aus Shows kennst. Es geht nicht darum, die Kontrolle abzugeben.

Mia: Okay, das ist schon mal beruhigend! Ich stelle mir immer Pendel und schwingende Uhren vor.

Paul: Gar nicht. Denk eher an eine geführte Meditation. Wir versetzen den Klienten in eine leichte Trance, einen Zustand tiefer Entspannung. Das Ziel ist es, Kontakt mit der eigenen inneren Stimme aufzunehmen – der weisen Person in dir.

Mia: Mit der inneren Stimme Kontakt aufnehmen? Wie soll das denn funktionieren?

Paul: Durch eine Fantasiereise. Stell dir vor, ich leite dich an, dir eine grosse, alte Bibliothek vorzustellen. Ein Ort, an dem du dich absolut wohlfühlst.

Mia: Okay, ich bin dabei. Bücher, Ruhe... gefällt mir.

Paul: Du gehst zu deinem Lieblingssitzplatz, doch da sitzt schon jemand. Eine Gestalt. Du schaust genauer hin und erkennst plötzlich – es ist deine innere Stimme.

Mia: Wow. Und dann? Fange ich einfach an zu quatschen?

Paul: Genau! Du kannst dich dazusetzen. Ihr könnt reden, du kannst Fragen stellen oder ihr sitzt einfach nur schweigend da. Es geht darum, einen Raum für diese Begegnung zu schaffen.

Mia: Das ist ja faszinierend. Man arrangiert quasi ein Date mit sich selbst.

Paul: Exakt. Am Ende verabschiedest du dich, aber mit dem Versprechen, wiederzukommen. So stärkt man die Verbindung zur eigenen Intuition und Weisheit.

Mia: Also, um bei unserem Bild zu bleiben: Der Coach ist der Bergführer und die Hypnotherapie ist das Funkgerät, um mit der Einsatzzentrale in uns selbst zu sprechen.

Paul: Besser hätte ich es nicht sagen können. Das fasst nicht nur diese Technik, sondern den Kern des Coachings perfekt zusammen: die eigenen Ressourcen aktivieren.

Mia: Paul, das war eine unglaublich spannende Reise heute, vom inneren Team bis zur inneren Bibliothek. Vielen, vielen Dank für all diese Einblicke.

Paul: Sehr gerne, Mia. Es war mir eine Freude.

Mia: Und danke auch an euch fürs Zuhören. Das war der Studyfi Podcast. Bis zum nächsten Mal!