Podcast über Spezifische Lernstörungen und Komorbidität

Spezifische Lernstörungen & Komorbidität: Überblick für Studierende

Podcast

Lernstörungen: Mythen, Diagnose und die Wahrheit über Legasthenie0:00 / 22:17
0:001:00 zbývá
Leon…warte mal, das heißt also, dass das gesamte Konzept, eine Lernstörung nur am Unterschied zwischen IQ und Leseleistung festzumachen, eigentlich überholt ist? Das ist ja unglaublich.
ClaraGenau das heißt es, Leon. Und ich glaube, das wird viele überraschen, die immer dachten, Legasthenie betrifft nur die „schlauen“ Kinder, die trotzdem nicht lesen können. Herzlich willkommen zurück zum Studyfi Podcast.
Kapitel

Lernstörungen: Mythen, Diagnose und die Wahrheit über Legasthenie

Délka: 22 minut

Kapitoly

Der IQ-Mythos

Was ist das IQ-Diskrepanzkriterium?

Dyslexie vs. schlechte Leser

Warum ist das wichtig für die Diagnose?

Die wahren Ursachen der Lesestörung

Was ist Komorbidität?

Lernstörungen unter sich

Der Rattenschwanz: Psychische Probleme

Warum das alles? Das Multiple-Defizit-Modell

Die transdiagnostische Revolution

Profile statt Schubladen

Ein Blick ins Gehirn 2.0

Eine neue Perspektive

Die Macht der Muster

Přepis

Leon: …warte mal, das heißt also, dass das gesamte Konzept, eine Lernstörung nur am Unterschied zwischen IQ und Leseleistung festzumachen, eigentlich überholt ist? Das ist ja unglaublich.

Clara: Genau das heißt es, Leon. Und ich glaube, das wird viele überraschen, die immer dachten, Legasthenie betrifft nur die „schlauen“ Kinder, die trotzdem nicht lesen können. Herzlich willkommen zurück zum Studyfi Podcast.

Leon: Okay, da müssen wir jetzt aber mal von vorne anfangen. Ich dachte immer, genau das wäre die Definition. Hoher IQ, schlechte Noten in einem bestimmten Bereich – zack, Lernstörung.

Clara: Das war tatsächlich lange Zeit der Goldstandard. Man nennt es das „IQ-Diskrepanzkriterium“. Die Idee war, dass eine echte Lernstörung nur vorliegt, wenn eine deutliche Lücke – eine Diskrepanz – zwischen der erwarteten Leistung aufgrund der Intelligenz und der tatsächlichen Leistung klafft.

Leon: Klingt auf dem Papier ja auch irgendwie logisch. Ein Kind ist klug, müsste also gut lesen können, tut es aber nicht. Da muss ja was im Busch sein.

Clara: Exakt. Aber die Forschung der letzten Jahrzehnte hat dieses Modell ziemlich auf den Kopf gestellt. Man hat herausgefunden, dass dieser Ansatz mehr Probleme schafft, als er löst.

Leon: Okay, erklär mal genauer. Was ist das Problem mit dieser Diskrepanz-Idee? Bekommen dadurch die falschen Leute eine Diagnose?

Clara: Das ist der Kern des Problems. Stell dir zwei Kinder vor. Beide lesen extrem schlecht. Kind A hat einen sehr hohen IQ, sagen wir 130. Kind B hat einen durchschnittlichen IQ von 100. Nach dem alten Modell würde Kind A die Diagnose „Legasthenie“ bekommen, weil die Lücke zwischen IQ und Leseleistung riesig ist.

Leon: Und Kind B? Das liest ja genauso schlecht.

Clara: Kind B würde vielleicht als „generell lernschwach“ oder einfach als „schlechter Leser“ abgestempelt. Es würde oft nicht die gleiche spezifische Förderung bekommen wie Kind A. Man ging davon aus, die Ursachen müssten unterschiedlich sein.

Leon: Okay, das fühlt sich schon irgendwie unfair an. Aber vielleicht sind die Ursachen ja wirklich unterschiedlich?

Clara: Das ist der Punkt! Man hat die beiden Gruppen verglichen und etwas Erstaunliches festgestellt. Die zugrundeliegenden kognitiven Probleme sind bei beiden Gruppen praktisch identisch.

Leon: Moment, identisch? Wie hat man das denn herausgefunden?

Clara: Man hat ihnen spezifische Aufgaben gegeben, die die Kernprobleme bei Lesestörungen testen. Zum Beispiel das Lesen von sogenannten Pseudowörtern.

Leon: Pseudowörter? Was ist das denn? Klingt wie etwas aus einem Harry-Potter-Buch.

Clara: Fast! Das sind erfundene Wörter, die aber den Lautregeln der Sprache folgen. Sowas wie „frob“ oder „klentig“. Der Punkt ist: Man kann sie nicht als ganzes Wort aus dem Gedächtnis abrufen, man muss sie Buchstabe für Buchstabe erlesen und die Laute zusammenfügen.

Leon: Ah, das testet also die reine Fähigkeit, Buchstaben in Laute zu übersetzen, ohne dass man das Wort schon kennt.

Clara: Ganz genau. Und jetzt kommt der Hammer: Eine wegweisende Studie hat gezeigt, dass die Gruppe der „Dyslektiker“ mit hohem IQ und die Gruppe der „schlechten Leser“ mit durchschnittlichem IQ bei diesen Pseudowort-Tests fast exakt die gleichen, niedrigen Ergebnisse erzielten.

Leon: Das ist ja krass. Das heißt, obwohl die einen als „intelligent mit Leseproblem“ und die anderen als „durchgehend schwach“ galten, scheitern sie an derselben grundlegenden Aufgabe.

Clara: Genau. Beide Gruppen hatten massive Probleme mit der phonologischen Verarbeitung – also dem Umgang mit den Lauten der Sprache. Der IQ hat da keinen Unterschied gemacht. Die Intelligenz konnte dieses spezifische Defizit nicht ausgleichen.

Leon: Okay, das stellt natürlich alles auf den Kopf. Was bedeutet das dann für die heutige Diagnostik?

Clara: Es bedeutet, dass wir vom IQ als entscheidendem Faktor wegkommen. Eine große Meta-Analyse von Stuebing und Kollegen hat das bestätigt. Sie haben Dutzende Studien ausgewertet und kamen zu dem Schluss, dass die IQ-Diskrepanz kein valides Kriterium ist, um Kinder mit Leseschwierigkeiten zu klassifizieren.

Leon: Also schaut man sich heute eher die tatsächlichen Defizite an, anstatt auf eine Lücke im Notenprofil zu warten?

Clara: Richtig. Die moderne Diagnostik konzentriert sich auf die kognitiven Fähigkeiten, die für das Lesen und Schreiben notwendig sind. Man testet Dinge wie die phonologische Bewusstheit, das Arbeitsgedächtnis, die Benennungsgeschwindigkeit oder die Aufmerksamkeit.

Leon: Das klingt viel sinnvoller. Man schaut sich quasi den „Motor“ an, anstatt nur zu gucken, wie schnell das Auto fährt und wie schick die Karosserie ist.

Clara: Das ist eine super Analogie! Genau. Es geht nicht darum, ob jemand „schlau genug“ ist, um eine Lernstörung zu haben, sondern darum, wo genau der Haken ist. So kann man viel gezielter fördern.

Leon: Das ist ja auch eine Erleichterung. Es nimmt diesen Druck weg, dass man irgendwie beweisen muss, dass man „eigentlich intelligent“ ist, um Hilfe zu bekommen.

Clara: Absolut. Jedes Kind mit Leseschwierigkeiten verdient die richtige Unterstützung, unabhängig vom IQ. Die Diagnose sollte eine Tür zur Hilfe öffnen, keine Hürde sein.

Leon: Fassen wir das mal kurz zusammen. Das alte IQ-Diskrepanzkriterium ist also out, weil es Kinder mit identischen Kernproblemen künstlich trennt.

Clara: Korrekt. Die Forschung zeigt, dass Kinder mit einer Lesestörung – egal ob der IQ hoch oder durchschnittlich ist – ganz ähnliche Schwierigkeiten haben. Dazu gehören vor allem drei Bereiche.

Leon: Und die wären?

Clara: Erstens, wie schon erwähnt, die phonologische Verarbeitung. Das ist die Fähigkeit, mit der Lautstruktur von Wörtern zu arbeiten. Also Reime erkennen, Silben klatschen, Laute aus Wörtern heraushören.

Leon: Okay, das ist die absolute Grundlage fürs Lesen lernen.

Clara: Genau. Zweitens: das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis. Beim Lesen muss man sich ja den Anfang des Satzes merken, während man das Ende liest. Wenn das Gedächtnis da nicht mitspielt, verliert man den Faden.

Leon: Das kann ich mir gut vorstellen. Und der dritte Bereich?

Clara: Das ist das syntaktische Bewusstsein. Klingt kompliziert, meint aber im Grunde das intuitive Verständnis für den Satzbau und die Grammatik. All diese Fähigkeiten sind viel entscheidender für den Leseerfolg als der allgemeine IQ.

Leon: Verstehe. Der Fokus liegt also heute viel stärker auf den tatsächlichen sprachlichen und kognitiven Bausteinen, die man fürs Lesen braucht.

Clara: Exakt. Und das ist eine viel fairere und effektivere Herangehensweise. Es geht darum, die spezifische Hürde zu finden und dem Schüler oder der Schülerin zu helfen, sie zu überwinden. Und genau diese spezifischen Hürden können weitreichende Folgen haben, wenn sie nicht erkannt werden.

Leon: Okay, das war super aufschlussreich. Wir haben jetzt also eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie zum Beispiel Legasthenie im Gehirn aussieht. Aber Clara, was mich jetzt wirklich beschäftigt ist… kommen diese Lernstörungen eigentlich jemals allein?

Clara: Das ist die perfekte Frage, Leon. Denn die ehrliche Antwort ist: fast nie. In der Realität ist das Bild meistens viel unordentlicher und komplexer. Und das bringt uns direkt zu einem mega wichtigen Konzept: der Komorbidität.

Leon: Komorbidität. Das klingt sehr medizinisch und kompliziert. Kannst du das für uns aufdröseln?

Clara: Absolut. Im Grunde bedeutet Komorbidität nur, dass zwei oder mehr Störungen oder Krankheiten bei derselben Person zur gleichen Zeit auftreten. Und bei Lernstörungen ist das eher die Regel als die Ausnahme.

Leon: Ah, also quasi ein „Nimm eine, krieg eine gratis“-Angebot, auf das man lieber verzichten würde.

Clara: Genau die Sorte von Sonderangebot, die niemand braucht. Aber es ist entscheidend, das zu verstehen. Wir können nicht so tun, als wären Legasthenie, Dyskalkulie oder ADHS saubere, getrennte Schubladen. Die Realität ist ein einziges großes Knäuel.

Leon: Ein Knäuel… das ist ein gutes Bild. Und warum ist es so wichtig, dieses Knäuel zu entwirren? Also, was ändert sich dadurch?

Clara: Drei Dinge. Erstens für die Klinik: Eine Störung kann den Verlauf und die Behandlung der anderen beeinflussen. Man muss das Gesamtbild sehen. Zweitens für die Klassifikation: Vielleicht sind unsere diagnostischen Schubladen einfach falsch und wir müssen sie neu zeichnen.

Leon: Okay, das macht Sinn.

Clara: Und drittens für die Grundlagenforschung: Komorbiditäten geben uns super wichtige Hinweise auf die zugrunde liegende Biologie und Entwicklung. Sie sind wie ein Fenster ins Gehirn.

Leon: Okay, bleiben wir mal bei diesem Knäuel. Wie sieht das konkret aus? Wenn jemand zum Beispiel eine Leseschwäche hat, wie wahrscheinlich ist es, dass er auch Probleme mit Mathe hat?

Clara: Sehr wahrscheinlich. Studien, wie die von Willcutt und Kollegen, zeigen da ganz klare Zusammenhänge. Die Korrelationen zwischen den Fähigkeiten im Lesen, Rechtschreiben und Rechnen sind wirklich hoch.

Leon: Das heißt, die Leistungen hängen stark miteinander zusammen?

Clara: Exakt. In einer Studie von Kristina Moll und ihrem Team hat man gesehen: Von allen Kindern mit einer Lesestörung hatten rund 46 Prozent auch eine Rechtschreibstörung. Und etwa 36 Prozent hatten zusätzlich eine Rechenstörung.

Leon: Wow, das ist fast die Hälfte! Es ist also wirklich nicht so, dass man nur *ein* Problem hat.

Clara: Genau. Die Grenzen sind fließend. Und das deutet darauf hin, dass es gemeinsame Ursachen geben muss. Es ist nicht einfach nur Zufall.

Leon: Das leuchtet ein. Es ist ja nicht so, als würde man würfeln und zufällig bei zwei verschiedenen Problemen eine Sechs bekommen.

Clara: Perfektes Bild. Die Würfel sind gezinkt, sozusagen. Es gibt gemeinsame Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für beide Probleme erhöhen.

Leon: Okay, Lernstörungen bleiben also gerne unter sich. Aber wie sieht es mit anderen psychischen Problemen aus? Ich denke da sofort an ADHS, aber auch an Ängste oder Depressionen.

Clara: Du triffst den Nagel auf den Kopf. Das ist der nächste, riesige Teil des Puzzles. Lernstörungen treten extrem häufig zusammen mit anderen psychischen Auffälligkeiten auf. ADHS ist der bekannteste Begleiter der Legasthenie.

Leon: Und was ist mit der Stimmung? Ich kann mir vorstellen, dass ständige Misserfolge in der Schule ziemlich aufs Gemüt schlagen.

Clara: Absolut. Eine große deutsche Studie von Visser und Kollegen hat das 2020 eindrucksvoll gezeigt. Sie haben Grundschulkinder untersucht und die Raten für ADHS, Angststörungen, Sozialverhaltensstörungen und Depressionen verglichen.

Leon: Und was kam raus?

Clara: Das Ergebnis war eine ganz klare Treppe. Kinder ohne Lernstörung hatten die niedrigsten Raten. Kinder mit *einer* isolierten Lernstörung hatten schon deutlich höhere Raten. Und Kinder mit *mehreren* komorbiden Lernstörungen… bei denen schossen die Raten für psychische Probleme durch die Decke.

Leon: Das ist krass. Es ist also ein Verstärkereffekt. Je mehr Baustellen man beim Lernen hat, desto höher das Risiko für seelische Probleme.

Clara: Genau. Bei Kindern mit einer kombinierten Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung war die Rate für Depressionen zum Beispiel mehr als dreimal so hoch wie bei Kindern ohne Lernstörung. Das ist kein Zufall mehr, das ist ein massives Alarmsignal.

Leon: Puh, das ist heftig. Das zeigt ja, wie wichtig eine frühe und umfassende Diagnose ist, die eben nicht nur auf die Deutschnote schaut.

Clara: Exakt. Man muss den ganzen Menschen sehen, nicht nur das eine Symptom.

Leon: Das führt uns zur großen Frage: Warum? Warum hängt das alles zusammen? Verursacht die Legasthenie die Depression? Oder ist es umgekehrt?

Clara: Das ist die klassische Henne-Ei-Frage. Und die Antwort ist wahrscheinlich: Weder noch. Ein ganz einflussreiches Modell hierzu ist das „Multiple-Defizit-Modell“ von Bruce Pennington.

Leon: Okay, was besagt das?

Clara: Stell dir vor, du hast verschiedene Ebenen: Ganz unten die Gene und Umweltfaktoren. Darüber die Entwicklung des Gehirns. Darüber die kognitiven Prozesse, also Denkvorgänge wie das phonologische Bewusstsein. Und ganz oben das sichtbare Verhalten, also die Lernstörung.

Leon: Okay, eine Art Pyramide.

Clara: Genau. Penningtons Idee ist: Es gibt nicht *den einen* Risikofaktor, der zu Legasthenie führt. Es ist ein Zusammenspiel von vielen kleinen Risikofaktoren auf all diesen Ebenen. Und jetzt kommt der Clou für die Komorbidität…

Leon: Lass mich raten: Verschiedene Störungen teilen sich einige dieser Risikofaktoren?

Clara: BINGO! Genau das ist es. Legasthenie und Dyskalkulie zum Beispiel teilen sich wahrscheinlich einige genetische Risikofaktoren und auch Defizite bei übergeordneten kognitiven Prozessen, wie zum Beispiel dem Arbeitsgedächtnis.

Leon: Ich versuche mal eine Analogie… Wenn das Fundament eines Hauses an mehreren Stellen bröckelt, ist es nicht überraschend, wenn sowohl die Wand im Wohnzimmer *als auch* die Decke in der Küche Risse bekommen.

Clara: Perfekte Analogie! Die Risse verursachen sich nicht gegenseitig. Sie haben eine gemeinsame Ursache im Fundament. Und genau so ist es bei Lernstörungen. Geteilte Risikofaktoren führen zu überlappenden Störungsbildern.

Leon: Okay, wenn die Störungen also gar nicht so klar getrennt sind und sich Ursachen teilen, stellt das ja unser ganzes System von Diagnosen in Frage, oder? Diese ganzen Schubladen wie „Legasthenie“, „Dyskalkulie“, „ADHS“.

Clara: Du sprichst von der transdiagnostischen Revolution! Ja, genau das ist die Bewegung, die gerade in der Forschung stattfindet. Forscher wie Duncan Astle sagen, wir müssen uns von diesen kategorialen Labels verabschieden.

Leon: Transdiagnostisch – also „quer durch die Diagnosen“?

Clara: Exakt. Statt zu fragen: „Hat dieses Kind Legasthenie? Ja oder Nein?“, fragen wir: „Was ist das spezifische kognitive Profil dieses Kindes? Wo liegen seine Stärken und wo seine Schwächen?“. Wir schauen uns die Dimensionen an, nicht die Etiketten.

Leon: Welche Dimensionen wären das zum Beispiel?

Clara: Denk an Dinge wie Aufmerksamkeitssteuerung, Arbeitsgedächtnis, phonologische Verarbeitung oder Impulskontrolle. Diese Fähigkeiten liegen bei jedem Menschen auf einem Spektrum. Und jetzt kommt's: Viele verschiedene Störungsbilder, wie ADHS und Legasthenie, zeigen beide Defizite in der Aufmerksamkeit und im Arbeitsgedächtnis.

Leon: Ah, das sind also die geteilten Risikofaktoren auf der kognitiven Ebene, von denen du vorhin gesprochen hast!

Clara: Genau! Der transdiagnostische Ansatz schaut sich genau diese grundlegenden kognitiven Bausteine an, anstatt sich an den Oberflächen-Labels festzuhalten.

Leon: Wie findet man diese Profile denn? Das klingt, als bräuchte man dafür eine Menge Daten.

Clara: Oh ja. Man nutzt einen datengesteuerten Ansatz. Man nimmt eine große Gruppe von Kindern mit Lernschwierigkeiten – egal, welche Diagnose sie haben – und lässt sie eine ganze Batterie von kognitiven Tests machen.

Leon: Und dann? Schmeißt man die ganzen Ergebnisse in einen Computer und ruft: „Finde die Muster!“?

Clara: Im Grunde schon, ja! Man nutzt Algorithmen des maschinellen Lernens. Die Software durchforstet die Daten und gruppiert die Kinder nach Ähnlichkeiten in ihren kognitiven Profilen. Völlig unvoreingenommen von den alten Diagnosen.

Leon: Und was für Profile kommen da raus? Sind das dann nicht am Ende doch wieder die alten Schubladen?

Clara: Überraschenderweise nicht! Eine Studie von Siugzdaite hat das wunderbar gezeigt. Der Algorithmus fand verschiedene Cluster. Zum Beispiel eine Gruppe mit insgesamt durchschnittlicher Leistung, eine mit besonders starken exekutiven Funktionen, aber auch eine Gruppe mit einem klaren Defizit in der phonologischen Verarbeitung – das, was wir klassisch mit Legasthenie verbinden.

Leon: Aber eben auch andere Profile.

Clara: Genau! Zum Beispiel eine Gruppe mit sehr breit gefächerten, schweren kognitiven Problemen. Oder eine, deren Hauptproblem bei exekutiven Funktionen wie dem Arbeitsgedächtnis lag. Das sind viel differenziertere Bilder als nur „Legasthenie“.

Leon: Und was bedeutet das für die Hirnforschung? Wir hatten ja gelernt, dass es bestimmte Areale gibt, die bei Legasthenie anders ticken. Passt das noch ins Bild?

Clara: Jein. Das ist der vielleicht spannendste Teil. Man hat versucht, diese neuen, datengestützten kognitiven Profile mit der Struktur des Gehirns in Verbindung zu bringen. Also: Haben alle Kinder aus dem „Phonologie-Defizit-Cluster“ eine bestimmte Gehirnregion, die kleiner ist?

Leon: Und? Haben sie?

Clara: Die Antwort war ein ziemlich klares: Nein. Die Zusammenhänge zwischen den kognitiven Profilen und der Größe einzelner Hirnregionen waren erstaunlich schwach.

Leon: Oh. Das ist... enttäuschend. Und überraschend.

Clara: Moment, es wird noch besser! Dann haben die Forscher einen Schritt weiter geschaut. Sie haben nicht die einzelnen Regionen analysiert, sondern die Verbindungen *zwischen* den Regionen. Das sogenannte Konnektom. Also das gesamte Netzwerk der Datenautobahnen im Gehirn.

Leon: Und da gab es einen Zusammenhang?

Clara: Einen viel, viel stärkeren! Die kognitiven Profile ließen sich deutlich besser durch die Eigenschaften des gesamten Netzwerks vorhersagen als durch einzelne, isolierte Hirnareale.

Leon: Wow. Der Schlüssel liegt also nicht im Ort, sondern in der Verbindung. Nicht im einzelnen Bahnhof, sondern im gesamten Streckennetz der Bahn.

Clara: Das ist die perfekte Metapher! Es geht nicht um ein „kaputtes“ Lesezentrum. Es geht darum, wie effizient verschiedene Zentren für Sprache, Aufmerksamkeit und Gedächtnis miteinander kommunizieren. Das ist ein fundamentaler Wandel im Denken.

Leon: Das ist wirklich eine Revolution. Statt nach dem einen kaputten Bauteil zu suchen, schauen wir uns den gesamten Schaltplan an. Und das erklärt dann auch, warum die Probleme so oft zusammen auftreten – weil das ganze Netzwerk betroffen ist. Wahnsinn. Das wirft natürlich die Frage auf, wie man auf Basis dieses Wissens dann ganz anders helfen kann…

Clara: Absolut. Und genau da müssen wir als Nächstes ansetzen: bei den Interventionen, die genau auf diese individuellen kognitiven Profile zugeschnitten sind.

Leon: Okay, das bringt uns perfekt zu unserem letzten großen Thema für heute: Entwicklungsstörungen. Das ist ja ein riesiges Feld.

Clara: Absolut, Leon. Und die Forschung dazu verändert sich gerade total. Traditionell hat man Störungen wie ADHS, Autismus oder Zwangsstörungen als komplett getrennte „Schubladen“ betrachtet.

Leon: Jede mit ihrem eigenen Etikett. Klingt ja erstmal logisch, oder?

Clara: Auf den ersten Blick schon. Aber eine spannende Studie in *Current Biology* zeigt einen neuen Weg. Forscher nutzen jetzt sogenanntes „transdiagnostisches Brain Mapping“.

Leon: Trans…diagnostisch? Klingt nach einem Wort, bei dem man beim Buchstabieren stolpert.

Clara: Garantiert! Aber die Idee ist simpel. Statt das Gehirn nach Störungs-Etiketten zu sortieren, suchen sie nach gemeinsamen Mustern und Unterschieden *über* verschiedene Diagnosen hinweg.

Leon: Okay, also sie schauen sich an, was zum Beispiel die Gehirnaktivität von jemandem mit ADHS und jemandem mit einer Zwangsstörung gemeinsam haben könnte?

Clara: Genau! Es geht um die grundlegenden Netzwerke. Die Studie fand heraus, dass bei verschiedenen Störungen oft ganz ähnliche Gehirnbereiche betroffen sind, die für Aufmerksamkeit oder soziale Verarbeitung zuständig sind.

Leon: Das ist ja faszinierend. Aber was bringt das in der Praxis?

Clara: Das ist der entscheidende Punkt. Es könnte zu personalisierteren Behandlungen führen. Anstatt nur das „Label“ zu behandeln, kann man gezielt die zugrunde liegenden Gehirnfunktionen unterstützen, die nicht optimal laufen.

Leon: Der Schlüssel ist also das Muster, nicht das Etikett. Das ist ein super spannender Gedanke zum Abschluss. So, das war's für heute bei Studyfi!

Clara: Wir haben heute echt viel abgedeckt. Denkt dran, der Schlüssel ist, die Zusammenhänge zu verstehen. Danke fürs Zuhören!

Leon: Macht's gut und bis zum nächsten Mal. Ciao!