Podcast über Jochen Gerz: Konzeptkunst und öffentliche Autorschaft
Jochen Gerz: Konzeptkunst & Öffentliche Autorschaft verstehen
Podcast
Jochen Gerz: Kunst, die dich zum Teil des Werks macht
Délka: 26 minut
Kapitoly
Die Kunst des Verschwindens
Wer ist Jochen Gerz?
Vom Schreiben zur Konzeptkunst
Anti-Monumente und das Publikum als Künstler
Warum Gerz' Kunst irritiert und fasziniert
Das Wort als Objekt
Kunst im öffentlichen Raum
Realität gegen Abbild
Die Reise, die niemand sah
Wenn das Publikum eingreift
Ein Mahnmal aus Fragen
Das Berkeley Orakel
Kreative in der Nachbarschaft
Die Geburt der Öffentlichen Autorschaft
Der Zentaur von Venedig
Die Sprache des Gedenkens
Wenn Denkmäler verschwinden
Lebende Monumente
Die verweigerte Retrospektive
THE WALK
Das unsichtbare Mahnmal
Nationale und Internationale Preise
Fazit und Abschied
Přepis
Tim: Die meisten Leute denken bei Kunst an etwas, das man still in einem Museum betrachtet – ein Gemälde, eine Skulptur. Aber was, wenn ein Künstler genau das Gegenteil will? Wenn das Kunstwerk erst durch dich vollständig wird und am Ende sogar verschwindet?
Lena: Das klingt nach einem Rätsel, oder? Aber genau das ist die zentrale Idee im Werk eines der wichtigsten deutschen Konzeptkünstler: Jochen Gerz. Und das macht ihn so unglaublich spannend für die Prüfung.
Tim: Okay, das hat meine volle Aufmerksamkeit. Ein Künstler, dessen Kunst verschwindet?
Lena: Genau. Willkommen beim Studyfi Podcast. Lass uns das mal genauer ansehen.
Tim: Also, Jochen Gerz. Wer ist dieser Mann, der die Kunst auf den Kopf stellt?
Lena: Er wurde 1940 in Berlin geboren und ist ein bildender Künstler, der einen Großteil seines Lebens in Frankreich verbracht hat. Sein Werk dreht sich immer um das Verhältnis von Kunst und Leben, Geschichte und Erinnerung.
Tim: Und das Besondere ist, wie er das tut, oder?
Lena: Absolut. Er arbeitet nicht nur mit Farbe oder Stein. Er nutzt Text, Fotografie, Video, Installationen und vor allem den öffentlichen Raum. Für ihn ist die Öffentlichkeit, also wir alle, Teil des kreativen Prozesses.
Tim: Das heißt, es geht ihm nicht darum, etwas zu schaffen, das wir nur passiv bewundern sollen.
Lena: Ganz genau. Er will uns aktivieren. Er zweifelt oft an der traditionellen Rolle der Kunst, besonders nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts, wie Auschwitz. Seine Kunst stellt Fragen, statt nur Antworten zu geben.
Tim: Kam er denn direkt aus der Kunstakademie mit diesen radikalen Ideen?
Lena: Überraschenderweise nein. Gerz ist Autodidakt. Er kam von der Literatur zur Kunst. Er hat in den frühen 60ern geschrieben, übersetzt und sogar als Auslandskorrespondent gearbeitet.
Tim: Wow, ein ziemlicher Umweg. Wie kam es dann zum Wechsel?
Lena: Er hat alles Mögliche studiert – Germanistik, Sinologie, sogar Archäologie. Aber der Wendepunkt war seine Zeit in Paris während der Studentenproteste im Mai '68. Diese Erfahrung hat ihn stark geprägt.
Tim: Ah, das macht Sinn. Eine Zeit des Umbruchs und des Infragestellens von Autoritäten.
Lena: Exakt. Er begann, die Konventionen zwischen Literatur und Kunst zu sprengen und die Medien kritisch zu hinterfragen. Für ihn wurde der Betrachter immer mehr zum Mit-Schöpfer.
Tim: Du hast vorhin gesagt, seine Kunst verschwindet manchmal. Das klingt immer noch verrückt. Wie funktioniert das?
Lena: Das beste Beispiel sind seine sogenannten Anti-Monumente. Seit den 80ern hat er Mahnmale realisiert, die die traditionelle Gedenkkultur komplett unterwandern.
Tim: Okay, ein Anti-Monument... also das Gegenteil von einer riesigen Bronzestatue?
Lena: Ja, kann man so sagen! Nehmen wir sein berühmtestes Werk: das „Mahnmal gegen Faschismus“ in Hamburg-Harburg, das er mit Esther Shalev-Gerz schuf. Das war eine 12 Meter hohe Säule.
Tim: Das klingt jetzt aber doch ziemlich traditionell...
Lena: Warte ab! Die Säule war mit Blei beschichtet und die Bürger wurden eingeladen, ihre Namen darauf gegen den Faschismus einzuritzen. Sobald ein Abschnitt voll war, wurde die Säule Stück für Stück in den Boden versenkt.
Tim: Moment, das heißt... am Ende war das Mahnmal komplett weg?
Lena: Genau! Es ist jetzt unsichtbar. Das eigentliche Denkmal ist nicht mehr der physische Gegenstand, sondern die Erinnerung und die Handlung der Menschen, die sich daran beteiligt haben. Die Erinnerung lebt in den Köpfen weiter, nicht im Stein.
Tim: Das ist genial. Er baut also ein Denkmal, nur damit es verschwindet? Das ist, als würde ich einen Kuchen backen und ihn dann vergraben.
Lena: Der Vergleich hinkt ein wenig, aber er zeigt das Verblüffende daran! Es geht um den Prozess, nicht um das ewige Objekt. Gerz macht die Öffentlichkeit zum „kreativen Vortex“, wie er es nennt.
Tim: Ich kann mir vorstellen, dass das nicht jeder sofort verstanden hat. Wie wurde seine Arbeit denn aufgenommen?
Lena: Sehr zwiegespalten, und das ist typisch für ihn. Es gibt ein tolles Zitat von 1977 vom Kritiker Georg Jappe. Er schrieb: „Künstler halten Jochen Gerz gern für einen Literaten... Literaten halten Jochen Gerz gern für einen Künstler.“
Tim: Also wusste niemand so recht, in welche Schublade er passt.
Lena: Genau. Seine Werke entziehen sich oft einer einfachen Deutung. Sie schaffen eine Art Leerstelle, einen Raum, den der Betrachter selbst füllen muss. Er sagt ja selbst: „In einer demokratischen Gesellschaft kann es keinen Platz für den bloßen Zuschauer geben.“
Tim: Er will also, dass wir vom Konsumenten zum Teilnehmer werden.
Lena: Das ist der Kern. Er spricht von „öffentlicher Autorschaft“. Für ihn gefährdet die klassische Teilung der Welt in Künstler hier und Betrachter dort die Demokratie. Seine Kunst ist ein Training für zivilgesellschaftliches Engagement.
Tim: Wow. Das gibt dem Ganzen eine viel tiefere, politische Bedeutung. Es ist nicht nur Kunst um der Kunst willen.
Lena: Absolut nicht. Und genau deshalb sind seine Arbeiten im öffentlichen Raum oft kontrovers und werden heiß diskutiert. Sie sind soziale Experimente, bei denen sich die Gesellschaft selbst spiegelt.
Tim: Das ist ein super spannender Ansatz. Es geht also darum, die passive Rolle zu verlassen und selbst aktiv zu werden. Ein starker Gedanke, den wir mitnehmen können.
Tim: Das ist wirklich eine radikale Neudefinition von Skulptur. Aber Gerz hat ja nicht nur Objekte geschaffen, er hat auch geschrieben. Und das ist, glaube ich, der Schlüssel zu seinem ganzen Werk.
Lena: Absolut. Sein Umgang mit Sprache ist genauso radikal wie der mit Materialien.
Tim: Was genau meinst du mit radikal? Hat er einfach nur... seltsame Gedichte geschrieben?
Lena: Nicht ganz. Er zweifelte an der Sprache selbst. Er glaubte nicht, dass sie die Wirklichkeit einfach so abbilden kann. Viele seiner Manuskripte hat er zum Beispiel in Spiegelschrift verfasst.
Tim: In Spiegelschrift? Wow. Das ist ja super schwer zu lesen.
Lena: Genau das war der Punkt! So wird das Wort zu einem Objekt, einem Bild. Du siehst zuerst die Form, nicht sofort die Bedeutung. Es wird zu einer Art Barriere, die sich vor die Wirklichkeit schiebt.
Tim: Okay, das ist ein spannender Gedanke. Und diesen Zweifel an den klassischen Formen hat er dann auch aus dem Atelier herausgetragen, oder?
Lena: Ja, schon sehr früh. 1968 gründete er den Verlag „Agentzia“. Er sprach von „Progressionstexten“, die vom Papier weg auf die Straße gehen und wieder zurückkommen. Sie sollten überall stattfinden.
Tim: Also Kunst, die nicht mehr im Museum hängt, sondern im Alltag passiert. Wie hat das denn konkret ausgesehen?
Lena: Eine seiner ersten Aktionen war 1968 in Florenz. Er hat einen kleinen Aufkleber auf Michelangelos David geklebt.
Tim: Einen Aufkleber? Auf den David? Was stand da drauf?
Lena: „Achtung Kunst korrumpiert“.
Tim: Das ist ziemlich frech! Ich stelle mir gerade vor, wie die Wachen reagiert haben.
Lena: Bestimmt nicht begeistert. Aber die Geste ist der Punkt. Sie sagt: Kunst nach 1968 kann sich nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigen. Sie muss raus, sich einmischen, sogar stören.
Tim: Sie muss also relevant für die Gesellschaft sein. Das bereitet den Boden für die partizipativen Projekte, über die wir als Nächstes sprechen werden, oder?
Tim: Okay, das ist also der Punkt. Bei Konzeptkunst geht's weniger um das fertige Bild oder die Skulptur, sondern mehr um das „Warum“. Um die Idee dahinter. Aber das klingt immer noch so... abstrakt. Lena, hast du ein Beispiel, das es greifbarer macht?
Lena: Absolut! Nehmen wir den Künstler Jochen Gerz. Er hat 1972 etwas Geniales gemacht. Er hat sich einfach zwei Stunden lang in einer Einkaufsstraße neben ein lebensgroßes Foto von sich selbst gestellt.
Tim: Moment, er stand da... neben seinem eigenen Bild? Und was ist passiert?
Lena: Genau das ist die Frage! Und die Antwort ist verrückt. Die meisten Passanten haben dem Foto viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem echten Menschen, der direkt daneben stand.
Tim: Das gibt's doch nicht! Das ist ja wie in den sozialen Medien, wo das Profilbild manchmal mehr zählt als die Person dahinter.
Lena: Exakt! Gerz hat damit gezeigt, wie sehr wir Medien und Abbildern vertrauen. Manchmal sogar mehr als der Realität direkt vor unserer Nase. Die Reproduktion verdrängt das Original.
Tim: Okay, das verstehe ich. Ziemlich clever. Gibt's noch ein extremeres Beispiel für so eine Idee?
Lena: Oh ja. Ein paar Jahre später hat Gerz eine angebliche Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn gemacht. Sechzehn Tage lang, von Moskau bis nach Chabarowsk und zurück.
Tim: Wow, das klingt nach einem Abenteuer!
Lena: Ja, aber jetzt kommt der Clou: Er hat während der gesamten Fahrt das Fenster seines Abteils abgedeckt. Er hat also nichts von der Landschaft gesehen. Nichts.
Tim: Aber... warum macht man denn sowas? Das ist doch der ganze Sinn dieser Reise!
Lena: Genau das ist die konzeptuelle Idee! Seine einzige Aktion war, jeden Tag seine Füße auf eine Schiefertafel zu stellen. In der Ausstellung sah man dann nur 16 Stühle und davor 16 Schiefertafeln mit seinen Fußabdrücken.
Tim: Also die Reise selbst wurde gar nicht gezeigt? Nur die Spuren davon?
Lena: Genau. Die Botschaft war: „Gelebte Zeit lässt sich nicht vorzeigen.“ Man kann eine Erfahrung nicht einfach ausstellen wie ein Bild. Und das Beste ist: Wir wissen nicht mal sicher, ob er die Reise überhaupt gemacht hat.
Tim: Moment, die ganze Aktion könnte auch nur erfunden sein? Das ist ja... fast schon ein Streich.
Lena: Oder eben reine Konzeptkunst. Die Idee allein reicht. Ein letztes, intensiveres Beispiel: Bei einer anderen Performance spannte er ein Gummiseil quer durch einen Raum.
Tim: Klingt harmlos.
Lena: Nicht ganz. Das eine Ende war an der Wand, das andere, für das Publikum unsichtbar, im Nebenraum an seinem Hals befestigt. Wenn ein Besucher das Seil berührte, wirkte sich das schmerzhaft auf ihn aus.
Tim: Oh. Das ist heftig.
Lena: Ja, aber es ging darum, die Verantwortung des Publikums sichtbar zu machen. Die Leute sahen auf Monitoren, was ihre Handlung bewirkte. Oft haben Besucher die Performance abgebrochen, indem sie das Seil durchschnitten.
Tim: Verstehe. Die Kunst war also die Reaktion und das Bewusstsein der Leute. Nicht das Seil. Also, um das zusammenzufassen: Es geht um die Provokation, die Frage, die im Kopf entsteht.
Lena: Du hast es erfasst. Die Kunst findet im Kopf statt, nicht unbedingt an der Wand. Der Gedanke ist das Kunstwerk.
Tim: Super spannend. Das wirft ein ganz neues Licht auf das, was wir im Museum sehen. So, von der reinen Idee gehen wir jetzt mal zu einer Kunstform, bei der es sehr stark um das Material geht...
Tim: Das ist wirklich faszinierend, Lena. Wir haben jetzt über Gerz' Philosophie gesprochen, aber... wo kann man seine Werke eigentlich sehen oder mehr darüber erfahren? Gibt es da klassische Kataloge oder vielleicht sogar Filme?
Lena: Oh ja, jede Menge! Und das ist ein wichtiger Punkt. Die Dokumentation ist bei seiner Arbeit oft genauso wichtig wie das Werk selbst. Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, die seine Projekte begleiten, wie zum Beispiel „Le monument Vivant de Biron“ oder „Die schönsten Bilder sind die unsichtbaren“.
Tim: Unsichtbare Bilder... das passt ja perfekt zu ihm.
Lena: Absolut. Und dann gibt es natürlich unzählige Ausstellungskataloge und Bücher. Das reicht von frühen Arbeiten wie „Foto, Texte, The French Wall“ aus den 70ern bis hin zu umfassenden Werkverzeichnissen. Man könnte Wochen nur mit dem Lesen verbringen.
Tim: Gibt es da ein Projekt, das besonders heraussticht? Etwas, das seine Arbeitsweise so richtig auf den Punkt bringt?
Lena: Definitiv. Denk mal an den Wettbewerb für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Gerz' Entwurf kam 1997 unter die letzten vier, wurde aber nicht realisiert. Und die Idee dahinter war radikal anders.
Tim: Inwiefern anders?
Lena: Er wollte keine Statuen oder Steine. Sein Konzept hieß „WARUM“. Im „Raum der Antworten“ sollten Besucher genau diese Frage beantworten: „Warum ist es geschehen?“ Ein Roboter hätte die Antworten Tag und Nacht in den Betonboden graviert.
Tim: Ein Roboter? Das heißt, das Mahnmal wäre nie fertig geworden?
Lena: Genau! Es wäre für 60 bis 80 Jahre eine Baustelle geblieben. Eine riesige Fläche, gefüllt mit den Gedanken und Fragen der Menschen. Das Denkmal wäre also ein Prozess gewesen, eine riesige, andauernde Diskussion.
Tim: Wow... Das ist ein starker Gedanke. Nicht einfach erinnern, sondern aktiv fragen.
Lena: Und diesen Gedanken, das Publikum zum Autor zu machen, hat er oft verfolgt. Zum Beispiel beim „Berkeley Orakel“ 1997.
Tim: Das klingt... mystisch. Hat er da die Zukunft vorhergesagt?
Lena: Nicht ganz. Er hat eine Website aufgesetzt und die Leute eingeladen, ihre dringendsten Fragen zu stellen. Aber – und das ist der Clou – es gab keine Antworten.
Tim: Wie bitte? Man stellt eine Frage und kriegt... nichts?
Lena: Richtig. Er hat ausgewählte Fragen dann auf kleinen Tafeln im Berkeley Art Museum installiert. An den überraschendsten Orten: im Treppenhaus, im Buchladen, sogar auf der Toilette.
Tim: Also stolpert man quasi über die großen Fragen des Lebens, während man... Hände wäscht.
Lena: Genau das ist die Idee. Er wollte Reflexionsorte schaffen. Es ging ihm nicht um die Antwort, sondern darum, uns in einen Zustand des Nachdenkens zu versetzen, den die alten Griechen „epoché“ nannten – eine Art geistige Schwebe.
Tim: Okay, das ist sehr philosophisch. Hat er auch Projekte gemacht, die direkter ins echte Leben eingreifen?
Lena: Absolut. Ein super Beispiel ist „2–3 Straßen“. Das war ein Projekt für die Kulturhauptstadt RUHR.2010. Er lud Kreative aus aller Welt ein, für ein Jahr mietfrei in ganz normalen Straßen im Ruhrgebiet zu leben.
Tim: Einfach so? Was war das Ziel?
Lena: Die Straßen lagen in Vierteln mit Leerstand und sozialen Herausforderungen. Das Ziel war, durch die Anwesenheit und die Interaktion dieser neuen Bewohner mit den alten eine Veränderung anzustoßen. Das Motto war: „Wir schreiben… und am Ende wird meine Straße nicht mehr die gleiche sein.“
Tim: Hat das funktioniert?
Lena: Ja, und wie! Am Ende entstand ein 3000 Seiten starkes Buch, geschrieben von hunderten von Bewohnern und Besuchern. Und das Beste: In Dortmund hat sich ein Teil der Gruppe entschieden, dazubleiben und die Arbeit als Initiative „Borsig11“ weiterzuführen.
Tim: Das ist ja unglaublich. Kunst, die nicht im Museum hängt, sondern eine Nachbarschaft verändert.
Lena: Und genau das fasst er unter dem Begriff „Öffentliche Autorschaft“ zusammen. Für Gerz ist jede Äußerung, jeder Beitrag eines Menschen in der Öffentlichkeit ein kreativer Akt. Wir alle sind Autoren unseres gemeinsamen Raumes.
Tim: Also, wenn ich hier im Podcast eine Frage stelle, bin ich quasi auch ein Künstler? Das gefällt mir.
Lena: Im Grunde, ja! Du gestaltest den öffentlichen Dialog mit. Es geht darum, die Demokratie als eine kreative, gemeinschaftliche Aufgabe zu sehen. Dafür hat er sogar eine Stiftung gegründet.
Tim: Bevor wir weitermachen, eine letzte Frage zu seinen Werken. Waren die immer so... konzeptionell und auf die Gesellschaft bezogen?
Lena: Nicht immer in der Form. Eine seiner berühmtesten frühen Arbeiten war auf der Biennale in Venedig 1976: „Die Schwierigkeit des Zentaurs beim vom Pferd steigen“.
Tim: Allein der Titel ist schon Kunst. Was war das?
Lena: Stell dir eine riesige, neun Meter hohe Holzskulptur eines Zentauren vor, die durch eine Wand zwischen zwei Räumen ragte. Der Clou war: Gerz hat tagelang *im Inneren* der Skulptur gelebt.
Tim: Er hat darin gewohnt? Mitten in der Ausstellung?
Lena: Ja. Er wollte damit zeigen, wie der Kulturmensch, also wir alle, Schwierigkeiten hat, von seiner eigenen Zivilisation, seiner eigenen „Kultur-Rüstung“, loszukommen. Man konnte ihn nicht sehen, nur seine Anwesenheit spüren. Ziemlich radikal.
Tim: Absolut. Von einem Mann, der im Pferdekörper wohnt, zu ganzen Städten, die zu Autoren werden... was für eine Bandbreite. Das wirft natürlich die Frage auf, wie die Kunstwelt auf so jemanden reagiert hat.
Tim: Okay, das Konzept der Konzeptkunst ist klarer, aber wie sieht das in der Praxis aus, wenn es nicht nur um eine Idee geht, sondern um ein ganzes Erlebnis? Du hattest Kunstinstallationen erwähnt, Lena.
Lena: Genau, Tim. Und das ist ein perfekter Übergang. Eine Installation beansprucht den ganzen Raum und oft auch den Betrachter selbst. Ein Meister darin ist Jochen Gerz, besonders bei sehr schwierigen Themen.
Tim: Schwierige Themen? Was meinst du damit?
Lena: Denk an die deutsche Geschichte. Gerz hat eine Installation namens „EXIT“ über die KZ-Gedenkstätte Dachau gemacht. Das ist... intensiv.
Tim: Uff, okay. Wie nähert man sich so einem Thema künstlerisch?
Lena: Gerz tut das auf eine unglaublich intelligente Weise. Stell dir vor: Du betrittst einen Raum mit zwei Reihen von Tischen und Stühlen, alles nur von schwachen Glühlampen beleuchtet.
Tim: Das klingt schon sehr beklemmend.
Lena: Absolut. Dazu hörst du das Atmen eines Läufers und das Klappern von Schreibmaschinen. Auf den Tischen liegen Ordner mit Fotos von Schildern aus der Gedenkstätte – Wegweiser, Verbotsschilder...
Tim: Und was ist die Aussage dahinter?
Lena: Es ist Sprachkritik. Wenn an einer Tür, die früher in den Tod führte, heute das bequeme Museumswort „Exit“ oder „Ausgang“ hängt, bekommt das eine furchtbar makabre Dimension. Er zeigt, wie die Sprache von damals und heute unheimlich miteinander verbunden ist.
Tim: Wow. Die Kunst findet also im Kopf statt, durch diesen Kontrast. Das ist stark.
Lena: Genau. Und jetzt wird's noch konzeptioneller. Gerz ist berühmt für Mahnmale, die man nicht sehen kann.
Tim: Wie bitte? Ein unsichtbares Mahnmal? Wie soll das denn funktionieren?
Lena: Klingt paradox, oder? In Hamburg-Harburg schuf er das „Mahnmal gegen Faschismus“. Das war eine 12 Meter hohe, bleiummantelte Säule.
Tim: Also doch sichtbar!
Lena: Am Anfang ja! Aber die Bürger wurden eingeladen, ihre Namen darauf zu schreiben, als Zeichen der Wachsamkeit. Und hier ist der Clou: Je mehr Unterschriften die Säule trug, desto weiter wurde sie in den Boden versenkt.
Tim: Das heißt...?
Lena: Bis sie 1993 komplett verschwunden war. Heute siehst du nur noch eine Bodenplatte. Die Idee ist: Kein Denkmal kann sich an unserer Stelle gegen Unrecht erheben. Die Erinnerung muss in den Menschen leben, nicht in einem Objekt.
Tim: Das ist eine unglaublich starke Botschaft. Und in Saarbrücken hat er etwas Ähnliches gemacht, oder?
Lena: Stimmt. Dort hat er mit Studenten heimlich Pflastersteine vom Schlossplatz entfernt, die Namen von jüdischen Friedhöfen eingraviert und die Steine mit der Schrift nach unten wieder eingesetzt. Das Mahnmal ist da, aber unsichtbar, direkt unter den Füßen der Menschen.
Tim: Von unsichtbar zu... lebendig? Wie geht das denn?
Lena: Indem er wieder die Menschen einbezieht. In einem französischen Dorf namens Biron sollte er das Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege ersetzen.
Tim: Heikel für einen deutschen Künstler, stelle ich mir vor.
Lena: Sehr. Aber er hat den alten Obelisken erneuern lassen und jedem der 127 Dorfbewohner eine geheime Frage gestellt. Die anonymen Antworten ließ er auf Emailleschilder brennen und am Denkmal anbringen.
Tim: Eine geheime Frage? Und was für Antworten kamen da?
Lena: Tiefgründige Gedanken über Leben, Tod und Krieg. Eine Antwort war zum Beispiel: „Geschäfte machen mit dem Leben anderer Leute, wie jämmerlich das ist!“ Das Denkmal wächst sogar weiter, weil neue Einwohner ebenfalls die Frage beantworten.
Tim: Es ist also ein fortlaufender Dialog der Dorfgemeinschaft mit ihrer eigenen Geschichte. Genial.
Lena: Absolut. Die Kunst ist nicht das Objekt, sondern der Prozess und die Beteiligung. Und genau diese Idee der Partizipation führt uns direkt zu unserem nächsten Thema: der sozialen Plastik.
Tim: Also diese Idee, Kunst im öffentlichen Raum zu schaffen, damit sie jeder sehen kann... Das ist ja eine Sache. Aber es gibt Künstler, die das Konzept komplett auf den Kopf stellen, richtig?
Lena: Absolut. Ein perfektes Beispiel ist Jochen Gerz. 2018 wurde er vom Lehmbruck Museum in Duisburg zu einer Retrospektive eingeladen. Also einer großen Werkschau seines Lebens.
Tim: Wow, das ist eine riesige Ehre für einen Künstler!
Lena: Normalerweise schon. Aber Gerz hatte seit über 15 Jahren nicht mehr mit Museen gearbeitet. Er war ziemlich kritisch gegenüber der Institution.
Tim: Oh. Das stelle ich mir... unangenehm vor. Hat er einfach abgesagt?
Lena: Nicht ganz. Er hat die Einladung angenommen, aber umgewandelt. Statt einer Ausstellung drinnen gab es eine neue Arbeit draußen. Kein einziges Originalwerk von ihm war im Museum zu sehen.
Tim: Moment, eine Retrospektive ohne Werke? Wie funktioniert das denn?
Lena: Er hat stattdessen den „e-Catalogue Raisonné“ erstellt. Das ist ein Online-Katalog, der alle seine Arbeiten jederzeit und überall zugänglich macht. Und am Museum selbst installierte er „THE WALK“.
Tim: Und was war das?
Lena: Das war ein 100 Meter langer Steg, der an der Glasfassade des Museums entlangführte. Auf der Fassade war ein riesiger Text, der sein Leben mit der Zeitgeschichte der letzten 80 Jahre verband.
Tim: Also anstatt in die Vergangenheit im Museum zu blicken, hat er von außen auf die Kunst, die Stadt und die Zukunft geschaut. Ziemlich radikal.
Lena: Genau das ist sein Prinzip. Er wurde berühmt für sogenannte „Autorenprojekte“. Das sind Arbeiten, die nur durch die Teilnahme der Öffentlichkeit überhaupt erst entstehen.
Tim: Klingt ein bisschen wie die „Soziale Plastik“ von Joseph Beuys, die wir mal besprochen haben.
Lena: Exakt, er führt diese Idee weiter. Er hat zum Beispiel „Anti-Mahnmale“ geschaffen. Stell dir ein Mahnmal vor, das mit der Zeit absichtlich verschwindet.
Tim: Ein verschwindendes Mahnmal? Das ist ja paradox. Der Sinn eines Mahnmals ist doch, dass es bleibt!
Lena: Das ist der Clou! Gerz sagt, die Erinnerung soll nicht im Stein stattfinden, sondern in den Köpfen der Menschen. Das Mahnmal gibt den Auftrag zum Erinnern quasi an die Gesellschaft zurück.
Tim: Verstehe. Das ist wirklich ein starker Gedanke. Die Kunst ist nicht das Objekt, sondern die Auseinandersetzung damit. Damit schlagen wir jetzt eine super Brücke zum nächsten Thema...
Tim: Okay, bei so einem beeindruckenden und provokanten Werk... da müssen doch auch Preise gefolgt sein, oder?
Lena: Und wie! Die Liste ist wirklich lang. Es ist klar, dass seine Arbeit nicht unbemerkt blieb.
Tim: Hat er ein extra Zimmer nur für Trophäen?
Lena: Könnte man fast meinen! Es fing schon früh an, in den späten 70ern und 80ern mit Preisen in Köln und Bonn. Aber der Wendepunkt kam 1990.
Tim: Lass mich raten... für das Mahnmal gegen Faschismus?
Lena: Genau! Dafür erhielt er den Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum. Das hat ihm enorme Anerkennung verschafft.
Tim: Das kann ich mir vorstellen. Das Werk war ja revolutionär.
Lena: Absolut. Danach ging es international steil bergauf. Besonders Frankreich hat ihn quasi adoptiert. Er bekam 1996 den Ordre National du Mérite und 1998 sogar den Grand Prix National des Arts Plastiques.
Tim: Wow, das sind ja die höchsten Auszeichnungen dort!
Lena: Richtig. Es folgten der Deutsche Kritikerpreis, Preise in Montréal, Paris, Stuttgart... die Liste geht weiter. Es zeigt, wie universell seine Themen sind.
Tim: Also eine wirklich beeindruckende Karriere. Was ist für dich der wichtigste Gedanke, den wir mitnehmen sollten?
Lena: Der Schlüssel bei Gerz ist, dass Kunst nicht nur zum Anschauen da ist. Sie ist eine Einladung zum Mitmachen, zum Nachdenken und zur Übernahme von Verantwortung. Er hat die Rolle des Betrachters für immer verändert.
Tim: Eine perfekte Zusammenfassung. Kunst, die uns alle angeht. Lena, vielen Dank für diese spannenden Einblicke heute.
Lena: Sehr gerne, Tim! War mir eine Freude.
Tim: Und danke auch an euch fürs Zuhören. Das war der Studyfi Podcast. Bleibt neugierig und bis zum nächsten Mal!