Jochen Gerz: Konzeptkunst und öffentliche Autorschaft

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Jochen Gerz, ein 1940 in Berlin geborener deutscher Künstler, hat sein Werk der Konzeptkunst und öffentlichen Autorschaft gewidmet. Er hat lange Zeit in Frankreich und Irland gelebt und ist bekannt für seine kritische Auseinandersetzung mit den Medien und seine Suche nach Kunstformen, die als Beitrag zur res publica und Demokratie dienen. Gerz' Schaffen dreht sich um das komplexe Verhältnis von Kunst und Leben, Geschichte und Erinnerung sowie um Begriffe wie Kultur, Gesellschaft und Partizipation. In diesem Artikel tauchen wir tief in seine einzigartigen Arbeitsweisen und bedeutendsten Projekte ein, um ein umfassendes Verständnis seines Einflusses zu vermitteln.

Jochen Gerz: Ein Überblick über Leben und Werk

Jochen Gerz ist Autodidakt und kam von der Literatur zur Kunst. Er begann in den frühen 1960er Jahren zu schreiben und zu übersetzen, unter anderem Werke von Ezra Pound und Richard Aldington, und arbeitete zeitweise als Auslandskorrespondent.

Sein Studium der Germanistik, Anglistik, Sinologie, Archäologie und Urgeschichte prägte seine intellektuelle Herangehensweise. Ab den späten 1960er Jahren, insbesondere als Aktivist im Mai '68 in Paris, begann er, die Grenzen zwischen literarischen und künstlerischen Konventionen zu sprengen.

Gerz' Werk umfasst verschiedene künstlerische Disziplinen und Medien, darunter:

  • Text
  • Fotografie
  • Video
  • Künstlerbücher
  • Installationen
  • Performances
  • Autorenprojekte im öffentlichen Raum

Ein wiederkehrendes Thema ist der Zweifel an der Kunst und die Befragung ihrer sozialen Funktion sowie des Anspruchs der westlichen Kultur nach Auschwitz. Er erlangte internationale Anerkennung durch Beiträge zur Biennale in Venedig (1976) und den documenta-Ausstellungen in Kassel (1977, 1987), kehrte jedoch ab Mitte der 1980er Jahre vermehrt in den öffentlichen Raum zurück und wandte sich zunehmend vom Kunstmarkt und Museum ab.

Öffentliche Autorschaft und Partizipation bei Jochen Gerz

Der Begriff „öffentliche Autorschaft“ (Public Authorship), den Jochen Gerz um 2003/04 prägte, bezeichnet seine künstlerische Konzeption und Praxis von Anti-Monumenten und partizipativen Projekten im öffentlichen Raum. Es ist die Idee, dass jede menschliche Äußerung als individueller Beitrag zu einer Öffentlichkeit zu verstehen ist, wobei alle Beteiligten als Autor:innen agieren. Dieses Konzept zielt darauf ab, die Demokratie zu stärken, indem es die passive Rolle des Betrachters hinterfragt und zur aktiven Teilnahme einlädt.

Die Idee der Sozialen Plastik und „The Plural Sculpture“

Gerz' Autorenprojekte und Kooperationen bauen auf der Idee der „Sozialen Plastik“ von Joseph Beuys auf. Sie entstehen dank des Beitrags von Teilnehmern und werden erst durch diesen ermöglicht. Sein erstes Internetprojekt von 1995, bei dem Menschen Fragen zu Kunst und Leben beantworten konnten, nannte er passenderweise „The Plural Sculpture“.

„2–3 Straßen. Eine Ausstellung in Städten des Ruhrgebiets“ (2008–2011)

Für die Kulturhauptstadt RUHR.2010 lud Gerz Kreative ein, ein Jahr mietfrei in drei „normalen Straßen ohne Besonderheiten“ des Ruhrgebiets zu leben. In Duisburg, Dortmund und Mülheim an der Ruhr wurden 58 sanierte Wohnungen für 78 Teilnehmer in Quartieren mit Leerstand, Migration und Arbeitslosigkeit zur Verfügung gestellt.

Das Ziel war die Veränderung der Straßen und die Veröffentlichung eines Buches, das von 887 Autor:innen – alten und neuen Bewohnern sowie Besuchern – in 16 Sprachen auf 3000 Seiten gemeinsam geschrieben wurde. Das Motto lautete: „Wir schreiben… und am Ende wird meine Straße nicht mehr die gleiche sein.“ Die Hälfte der Teilnehmer am Dortmunder Borsigplatz setzte die Arbeit danach als „Borsig11“ eigeninitiativ fort.

„Platz des europäischen Versprechens“, Bochum (2004–2015)

Ebenfalls als Teil der RUHR.2010 entstand in Bochum der „Platz des europäischen Versprechens“. Bürger:innen waren eingeladen, sich und Europa ein persönliches, unveröffentlichtes Versprechen zu geben. Anstelle der Versprechen füllen Namen aus ganz Europa den Platz vor der Christuskirche, die mit einem Mosaik der 28 „Feindstaaten Deutschlands“ von 1931 überrascht.

Insgesamt 14.726 Namen wurden gesammelt, bevor der Platz elf Jahre nach Arbeitsbeginn im Dezember 2015 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Dieses Projekt ist ein eindringliches Beispiel für kollektive Autorschaft und europäische Identität.

Jochen Gerz' Konzeptkunst: Anti-Monumente und Mahnmale

Jochen Gerz ist besonders bekannt für seine ungewöhnlichen „Anti-Monuments“ oder „Counter-Monuments“, die mit der traditionellen Form des Gedenkens brechen und die Öffentlichkeit in den Schaffensprozess einbeziehen. Diese Arbeiten lehnen ihre Stellvertreterfunktion ab und geben den Auftrag an die Öffentlichkeit zurück.

Sie verbrauchen sich in ihrer eigenen Zeitlichkeit und verschwinden, um in der scheinbaren Paradoxie eines „unsichtbaren Mahnmals“ neu zu erscheinen.

„Mahnmal gegen Faschismus“, Hamburg-Harburg (1986)

Zusammen mit Esther Shalev-Gerz schuf Gerz 1986 in Hamburg-Harburg ein soziales Experiment: eine 12 Meter hohe, bleiummantelte Säule, die sukzessive in den Boden versenkt wurde, je mehr Menschen ihre Namen, Kommentare oder Graffiti darauf hinterließen. Die Einladung zur Teilnahme lautete: „Wir laden die Bürger von Harburg und die Besucher der Stadt ein, ihren Namen hier unseren eigenen anzufügen. Es soll uns verpflichten, wachsam zu sein und zu bleiben.“

Seit 1993 ist nur noch eine 1 m² große Bleibodenplatte, der Deckel der Säule, und eine Hinweistafel zu sehen. Das Denkmal verschwand unter ca. 70.000 Namen, Eintragungen, aber auch Hakenkreuzen und Schussspuren. Gerz kommentierte: „Denn die Orte der Erinnerung sind Menschen, nicht Denkmäler.“ Es spiegelt die Gesellschaft und ihre Reaktion auf die Vergangenheit wider.

„2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus“, Saarbrücken (1993)

In Saarbrücken entfernten Gerz und eine Studentengruppe heimlich Pflastersteine aus der Allee des Schlossplatzes und ersetzten sie durch Placebos. In die entnommenen Steine wurden die Namen von 2146 jüdischen Friedhöfen in Deutschland eingraviert und dann mit der Schrift nach unten wieder eingesetzt, sodass das Mahnmal unsichtbar blieb.

Dieses ursprünglich geheime und illegale Projekt wurde nachträglich vom saarländischen Parlament legalisiert. Der Saarbrücker Schlossplatz heißt heute „Platz des Unsichtbaren Mahnmals“. Wie in Hamburg-Harburg muss das Mahnmal in der eigenen Anschauung gedacht und realisiert werden.

„WARUM – Realisierungsentwurf: Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, Berlin (1997)

Gerz' Wettbewerbsentwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal versuchte nicht, die Shoah darzustellen. Stattdessen sollten Besucher im „Raum der Antworten“ die Frage „Warum ist es geschehen?“ beantworten. Ein Roboter hätte die Antworten über 60–80 Jahre hinweg in den Betonboden des Geländes eingeschrieben, bis die immense Fläche gefüllt wäre.

Das Wort „Warum“ sollte in 39 Sprachen als Neonschrift über dem Platz leuchten. Das Werk, das die Debatten der deutschen Öffentlichkeit widerspiegeln sollte, wurde nicht realisiert.

„Future Monument“, Coventry (2004)

Das „Zukunftsmonument“ in Coventry ist eine Antwort der Bewohner auf eine traumatische Vergangenheit. 6000 Bürger:innen leisteten einen Beitrag, indem sie die Frage „Wer sind die Feinde von gestern?“ beantworteten. Die Stadt erinnerte an ihre Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Luftangriffe und entdeckte gleichzeitig, wie viele Einwohner Migranten sind und was es bedeutet, Kolonie gewesen zu sein.

Auf acht Glasplatten im Boden vor einem gläsernen Obelisken sind die acht meistgenannten früheren Feinde verzeichnet, die zu Freunden wurden: Deutschland, Russland, England, Frankreich, Japan, Spanien, Türkei, Irland. Dieses Werk handelt von Feinden, aus denen Freunde werden.

„Jochen Gerz – Platz der Grundrechte“, Karlsruhe (2005)

Die Stadt Karlsruhe beauftragte Gerz, ihre Beziehung zum Recht als Standort zahlreicher Gerichte, insbesondere des Bundesverfassungsgerichtes, sichtbar zu machen. Gerz befragte Juristen und prominente Bürger:innen über den Beitrag des Rechts zur Gesellschaft, sowie Bürger:innen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, nach dem Unrecht.

So entstanden zweimal 24 Aussagen, die auf die Vorder- und Rückseiten von 24 Straßenschildern emailliert und auf Metallpfosten montiert wurden. Der „Platz der Grundrechte“ wurde 2005 in der Karlsruher Innenstadt eingeweiht. Eine dezentrale Version des Platzes ist an 24 von Bürger:innen ausgewählten Standorten über die Stadt verteilt.

„Das Lebende Monument“, Biron (1996)

Im französischen Dorf Biron ersetzte Jochen Gerz im Auftrag des Kultusministeriums das Denkmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Er erneuerte den Obelisken und die Namenstafeln und stellte jedem Bewohner eine geheime Frage.

Die 127 anonymen Antworten ließ er auf Emailleschilder brennen und auf dem neuen Obelisken anbringen. Auch nach der Einweihung wuchs die Zahl der Schilder, da neue und junge Einwohner die „geheime Frage“ beantworten und den Dialog der Dorfbewohner mit ihrer Geschichte fortsetzen.

Foto/Text, Performance und Installationen: Medienkritik und Wahrnehmung

Jochen Gerz' Frühwerk und seine späteren Schaffensphasen zeichnen sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit Medien und der Wahrnehmung aus. Die Dialektik zwischen Bild und Text, Performance mit und ohne Publikum, sowie Installationen, die den Museumskontext selbst thematisieren, sind zentrale Elemente.

Schreiben und die Gründung von „Agentzia“ (1968)

Das Schreiben und die Frage „was heißt Schreiben?“ ziehen sich wie ein roter Faden durch Gerz' Werk. Er hinterfragt die Sprache, spielt mit ihrer repräsentativen Funktion und bricht mit ihrer diskursiven Linearität. Viele Manuskripte verfasste er in Spiegelschrift, um das Wort als Objekt kenntlich zu machen, das sich trennend vor die Wirklichkeit schiebt.

1968 gründete Gerz zusammen mit Jean-François Bory den alternativen Verlag „Agentzia“, der frühe Werke von Künstlern und Autoren der „Visuellen Poesie“ veröffentlichte. Er beschrieb seine damalige Arbeit als „Progressionstexte: vom Papier-weg Texte, zu Plätzen-Strassen-Häusern-Menschen-hin Texte und wieder-ins-Papier-zurück Texte.“ Diese formulieren bereits den Weg zum Text als Teil der bildenden Kunst und der Kunst als kritischem, partizipatorischem Beitrag zur Gesellschaft.

Frühe Arbeiten im öffentlichen Raum

Schon 1968 begann Gerz, den öffentlichen Raum für seine Kunst zu erschließen, um sie mit der Wirklichkeit des täglichen Lebens zu konfrontieren. Er bezeichnete sich selbst als „einer, der sich veröffentlicht“:

  • „Achtung Kunst korrumpiert“ (1968): Ein kleiner Aufkleber an Michelangelos „David“ in Florenz legte den Grundstein für ein Schaffen, das sich bewusst Gattungskategorien entzieht und Eingriffe wagt, die über die Kunst hinausweisen.
  • „Das Buch der Gesten“ (1969): Abgeworfene Karten in Heidelberg lenkten die Aufmerksamkeit der Passanten auf ihr eigenes Leben und machten sie zu unfreiwilligen Teilen eines „Buches“, an dem Gerz schrieb.
  • „Ausstellung von 8 Personen, wohnhaft in der Rue Mouffetard in Paris, mittels ihrer Namen auf den Mauern ihrer eigenen Straße“ (1972): Zufällige Namen von Bewohnern wurden in ihrer Straße plakatiert, was kontroverse Reaktionen hervorrief, da der private Raum öffentlich gemacht wurde.
  • „Ausstellung von Jochen Gerz neben seiner fotografischen Reproduktion“ (1972): Gerz stand in Basel zwei Stunden lang neben einem Foto seiner selbst. Passanten schenkten dem reproduzierten Bild oft mehr Aufmerksamkeit als dem realen Künstler, was die Verdrängung des Originals durch die Reproduktion aufzeigt.

Foto/Text und Mixed Media Fotografie

Seit Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich Gerz intensiv mit der Dialektik zwischen Bild und Text. In seinen „Foto/Texten“ ab 1969 hinterfragt er systematisch die Beziehung dieser „ungleichen Geschwister“ und schafft ein poetisches Niemandsland zwischen Fiktion und Wirklichkeit, das der Betrachter selbst füllen muss. Die Texte beschreiben oder erklären die Bilder nicht, und die Fotos illustrieren nicht den Text.

  • „Die Zeit der Beschreibung“ (1974): Diese vierteilige Buchreihe versammelt frühe Foto/Texte mit Schwarz-Weiß-Fotografien, datierten handschriftlichen und maschinenschriftlichen Texten sowie dem Authentizitäts-Stempel „o gelebt o nicht gelebt“. Sie thematisiert die Zwiespältigkeit, lebendige Erfahrung in Bild und Text zu fixieren.
  • „The French Wall“ (1968–1975): Eine 88-teilige Arbeit, die Schrift, Text, Foto, Bild und Fundstücke in wechselnden Konstellationen mischt und testet. Sie entstand in einer ländlichen Region Frankreichs und ist ein umfassendes bildnerisches und reflexives Kompendium, das Kunst, Kultur, Politik und Alltag kommentiert.
  • „Le Grand Amour (Fictions)“ (1981/82): Ein zweiteiliger Zyklus, der Bilder der „großen Liebe“ grobkörnigen Porträts der sterbenden Mutter gegenüberstellt. Obwohl die Themen persönlich erscheinen, bleibt das Verhältnis von Foto und Text bewusst unaufgelöst.
  • „It Was Easy #3“ (1988): Eine Wandarbeit, die zwei Wolkenbänder zeigt, eines gespiegelt als Negativ des anderen. Vertikal gestellt, werden aus Wolken aufsteigender Rauch. Die Sprachbänder lauten: „It was easy to make laws for people“ und „It was easy to make soap out of bones“. Diese Arbeit verdeutlicht die kulturelle Überformung von Erfahrungen und Erinnerungen.

Performance und Medienkritik

Der performative Aspekt durchzieht Gerz' gesamtes Werk. Ob mit oder ohne Publikum, im Ausstellungsraum oder im öffentlichen Außenraum, seine Performances hinterfragen die Rolle der Medien und die Wahrnehmung von Realität.

  • „Rufen bis zur Erschöpfung“ (1972): Auf dem Baugelände des späteren Flughafens Charles de Gaulle rief Gerz 1972 aus 60 Metern Entfernung in Richtung Kamera und Mikrofon, bis seine Stimme versagte. Das Video dokumentiert ein Duell zwischen Künstler und medialer Reproduktion, bei dem die Maschine die Oberhand gewinnt.
  • „Prometheus“ (1975): Gerz lenkte Sonnenlicht mit einem Spiegel auf das Objektiv einer ihn filmenden Videokamera, wodurch das aufgenommene Bild durch Überbelichtung gelöscht wurde. Dies war ein medienkritisches Werk, das das Löschen des Mediums mit Licht thematisierte: „P. ist der Mann, der sich dagegen wehrt, abgebildet zu werden.“
  • „Der Transsib.-Prospekt“ (1977): Gerz' Beitrag zur documenta 6 war eine 16-tägige Zugfahrt mit dem Transsibirien-Express, bei der das Fenster abgedeckt blieb. Täglich stellte er seine Füße auf eine Schiefertafel, Aufzeichnungen wurden vernichtet. In der Ausstellung waren 16 Stühle mit je einer Schiefertafel und Fußabdrücken zu sehen. Das Werk kritisiert die Konzeptkunst und hinterlässt die Frage offen, ob die Reise tatsächlich stattfand.
  • „Purple Cross for Absent Now“ (1979): In dieser Installation im Lenbachhaus in München teilte ein Gummiseil den Raum, dessen Ende unsichtbar am Hals von Gerz befestigt war. Berührte jemand das Seil, wirkte sich dies schmerzhaft am Künstler aus, sichtbar auf Monitoren. Die Performance zielte auf die „anästhetisierende Wirkung der Medien“ ab und machte die Beteiligung des Publikums und dessen Verantwortung bewusst.
  • „News to News (Ashes to Ashes)“ (1995): In einem verdunkelten Raum schwebte ein schwarzes „Bild“ aus 16 Monitoren, die mit der Bildseite zur Wand installiert waren. Ein knisterndes Brandgeräusch suggerierte Gefahr. Beim Blick hinter das Tableau zeigte sich die Banalität von Kaminfeuern, was die Diskrepanz zwischen inszenierter Realität und Wirklichkeit aufzeigte. Ein Text in Spiegelschrift an der Wand lautete: „Les derniers mots, illuminati.“
  • „Leben“ (1974): Gerz schrieb sieben Stunden lang das Wort „leben“ mit Kreide auf den Boden eines Ausstellungsraumes. Besucher mussten auf die Schrift treten, um eine Schrifttafel an der Stirnwand zu lesen, wodurch das Werk durch die Schritte nach und nach verwischt und zerstört wurde. Um es als Ganzes zu sehen, musste das Publikum es zerstören.

„EXIT – Materialien zum Dachau-Projekt“ (1972/74)

Diese Installation bestand aus Tischen und Stühlen, beleuchtet von schwachen Glühlampen. Zu hören waren das Atmen eines Läufers, das Klappern von Schreibmaschinen und das Geräusch eines Kameraauslösers. Auf den Tischen lagen Ordner mit 50 Fotografien, die die Sprache des Museums in Dachau dokumentierten (Hinweistafeln, Wegweiser, Verbotsschilder).

Die Arbeit machte die Kontinuität der Sprache zwischen Konzentrationslager und Museum als etwas Unausweichliches erlebbar. Kontroverse Reaktionen zeugten von der Intensität und Verunsicherung der Betrachter. Gerz sah es als Museums- und Sprachkritik, die die Kontinuität der Sprache in widersprüchlichen Systemen (Diktatur und Demokratie) thematisierte.

Rezeption und Wirkung von Jochen Gerz' Konzeptkunst

Jochen Gerz' Arbeiten lösen oft Verwirrung und Irritationen aus, da sie sich den gängigen Kategorien entziehen. Künstler:innen halten ihn oft für einen Literaten, Literaten für einen Künstler. Seine Werke schaffen einen Raum, den nur der Rezipient selbst mit dem eigenen Leben füllen kann.

  • Erkenntnistheoretischer Zweifel: Seine Installationen machen deutlich, wie sehr Bilder ihre Sinnfelder durch Texte erhalten und wie Sätze ihren Assoziationsreichtum durch Bilder fortwährend wechseln und relativieren.
  • Kontroversen im öffentlichen Raum: Besonders die partizipatorischen Projekte werden oft kontrovers diskutiert und sind unvorhersehbare soziale „Verhandlungen“. Sie spiegeln nicht nur die Kunstwelt, sondern die Gesellschaft insgesamt wider, wie im Fall des Harburger „Mahnmals gegen Faschismus“.
  • Emanzipation des Betrachters: Die Öffentlichkeit wird zum Bestandteil des Kunstwerks. Die Rezeption findet innerhalb und außerhalb des Kunstkontextes statt und verleiht der Kunst zivilgesellschaftliche oder politische Relevanz. Jochen Gerz sagt: „In einer demokratischen Gesellschaft kann es keinen Platz für den bloßen Zuschauer geben“ und „Die Teilung der Welt in Künstler und Betrachter gefährdet die Demokratie.“
  • Digitale Kommunikation: Schon früh setzte sich Gerz mit Computern auseinander („Diese Worte sind mein Fleisch & mein Blut“, 1971) und nutzte ab den 1990er Jahren zunehmend digitale Medien. Projekte wie „The Plural Sculpture“ (1995), „Das Berkeley Orakel“ (1997) und „Die Anthologie der Kunst“ (2001) sind Beispiele dafür.

„Das Berkeley Orakel – Fragen ohne Antwort“ (1997)

Als Hommage an die Studentenbewegung von 1968 lud Gerz über das Internet dazu ein, dem „Berkeley Orakel“ dringende, unvergessene oder nie gestellte Fragen zu stellen. Über 700 Fragen gingen ein, aus denen Gerz etwa 40 auswählte und auf kleinen Tafeln in verschiedenen Bereichen des Berkeley Art Museums installierte. Diese wurden zu Reflexionsorten und -momenten.

Das Orakel verspricht und gibt keine Antworten, sondern lädt die Teilnehmer in einen Raum des Hinterfragens ein, den Pyrron von Elis „epoché“ nannte – einen Zustand geistiger Schwebe, in dem man erkennt, dass eine endgültige Erkenntnis der Dinge nicht möglich ist.

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)

Gerz erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein innovatives Schaffen:

  • 1990: Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum (für das Harburger Mahnmal gegen Faschismus)
  • 1995: Deutscher Kritikerpreis (Bildende Kunst)
  • 1996: Ordre National du Mérite, Paris
  • 1998: Grand Prix National des Arts Plastiques, Paris
  • 2011: Sonderpreis der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, Faktor Kunst, Bonn

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was versteht man unter Jochen Gerz' Konzeptkunst?

Jochen Gerz' Konzeptkunst konzentriert sich auf die Idee und den Prozess hinter einem Kunstwerk, oft unter Einbeziehung des Publikums und des öffentlichen Raums. Es geht ihm weniger um das materielle Objekt, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, Medien und der Rolle des Betrachters. Seine Werke sind oft interaktiv, ephemer und fordern zur Reflexion auf.

Was sind Anti-Monumente im Werk von Jochen Gerz?

Anti-Monumente sind eine Form von Mahnmalen, die Jochen Gerz entwickelt hat, um die traditionelle Gedenkkultur zu hinterfragen. Sie lehnen die dauerhafte, repräsentative Form klassischer Denkmäler ab. Stattdessen sind sie oft unsichtbar, verschwindend oder erfordern die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit, um überhaupt zu existieren oder ihre Bedeutung zu entfalten, wie etwa das „Mahnmal gegen Faschismus“ in Hamburg-Harburg oder die „2146 Steine“ in Saarbrücken.

Wie trägt Jochen Gerz zur „öffentlichen Autorschaft“ bei?

Jochen Gerz prägte den Begriff „öffentliche Autorschaft“, um die Transformation des Verhältnisses zwischen Kunst und Betrachter zu beschreiben. Er lädt Menschen ein, sich aktiv an seinen Projekten zu beteiligen und so zu Co-Autor:innen der Kunstwerke zu werden. Diese Beteiligung führt zu Werken, die die Ideen und Beiträge der Öffentlichkeit widerspiegeln und somit das Konzept der Kunst als kollektiven, demokratischen Prozess erweitern, wie bei „2–3 Straßen“ oder dem „Platz des europäischen Versprechens“.

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