Das Spätmittelalter, eine faszinierende Epoche zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert, markiert einen entscheidenden Umbruch in der deutschen Literaturgeschichte. Es ist eine Zeit des Wandels, in der sich die Gesellschaft neu formiert und das Bürgertum zu einer der bedeutendsten Kräfte aufsteigt, während die höfische Kultur langsam an Bedeutung verliert. Für Studierende, die eine umfassende Betrachtung der Deutschen Literatur im Spätmittelalter suchen, bietet dieser Artikel einen detaillierten Überblick.
Charakteristik der Deutschen Literatur im Spätmittelalter: Eine Einführung
Das Spätmittelalter (ca. 1300-1500) ist geprägt von grundlegenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die sich stark auf die Literatur auswirkten. Der Rückgang der höfischen Kultur führte zu einem Aufstieg des Bürgertums, das nun als neuer Träger von Bildung und Literatur auftrat.
Die Städte wurden zu den neuen Zentren des literarischen Lebens. Hier förderten Schulen und religiöse Gemeinschaften die Entwicklung von Bildung und Literatur.
Wichtige literarische Veränderungen und Innovationen
Mehrere Innovationen revolutionierten die Verbreitung von Literatur in dieser Zeit:
- Papier statt Pergament: Das kostengünstigere Papier ermöglichte eine breitere Produktion von Schriften.
- Buchdruck (ab ca. 1460): Johannes Gutenbergs Erfindung führte zu einer explosionsartigen Verbreitung von Literatur und Wissen. Dies trug maßgeblich zur Vereinheitlichung der Sprache bei.
Die Sprache entwickelte sich zum Frühneuhochdeutsch, was eine stärkere Vereinheitlichung und größere Verbreitung der Schrift zur Folge hatte.
Neue bürgerliche Lyrik: Formen und Vertreter
Mit dem Aufstieg des Bürgertums entstanden neue lyrische Ausdrucksformen, die sich von den höfischen Traditionen lösten oder diese neu interpretierten.
Meistersang: Eine bürgerliche Kunstform
Der Meistersang entwickelte sich ab dem Ende des 15. Jahrhunderts aus dem ritterlichen Minnesang, hatte diesen jedoch als Vorbild. Er wurde von Handwerkern wie Färbern, Friseuren, Schneidern und Lehrern betrieben.
Charakteristisch für den Meistersang waren:
- Gesang ohne Musikbegleitung.
- Ein niedrigeres Niveau im Vergleich zum Minnesang, aber ein Ausdruck der Kreativität neben der Arbeit.
Bedeutende Meistersinger waren Hans Folz und Hans Sachs.
Das Volkslied: Ausdruck des einfachen Lebens
Das Volkslied entwickelte sich oft aus sogenannten „Mädchenliedern“ oder als „niedere Minne“. Es spiegelte das alltägliche Leben und die Emotionen des einfachen Volkes wider.
Das Kirchenlied: Glaube in deutscher Sprache
Neben den traditionellen lateinischen Hymnen übersetzte man diese ins Deutsche. Zudem wurden volkstümliche Kirchenlieder geschaffen, oft unter Beibehaltung bekannter Volksliedmelodien.
Neue bürgerliche Dramatik: Weltliches und Religiöses Spiel
Das Spätmittelalter sah die Blütezeit des Dramas, das sowohl religiöse als auch zunehmend weltliche Themen aufgriff. Für Studierende der Deutschen Literatur im Spätmittelalter sind diese Dramenformen besonders relevant.
Das religiöse Spiel: Mysterien- und Osterspiele
Das religiöse Drama entwickelte sich aus dem Gottesdienst, etwa der feierlichen Lesung des Osterevangeliums mit verteilten Rollen. Es umfasste verschiedene Formen:
- Mysterienspiele: Darstellungen von biblischen Geschichten wie Propheten-, Passions- oder Legendenspielen.
- Osterspiele: Besonders hervorzuheben ist das
Osterspiel von Muri.
Diese Spiele boten dem Volk eine Möglichkeit zur Begegnung mit religiösen Inhalten und förderten die Gemeinschaft.
Das weltliche Drama: Fastnachtspiele
Das weltliche Drama fand vor allem in den Fastnachtspielen seinen Ausdruck. Diese volkstümlichen Dramen waren komödiantisch und unterhaltsam.
Typische Merkmale und Themen waren:
- Lustspiele mit viel Witz und Spaß.
- Thematisierung des Ehelebens.
- Karikaturen von Berufen.
- Sprachlich zeichneten sie sich durch Vulgarismen und Alltagssprache aus, die im Minnesang undenkbar gewesen wären.
Bekannte Vertreter waren wiederum Hans Sachs und Hans Folz. Ein wichtiges Werk ist auch Neidhart mit dem Veilchen.
Neue bürgerliche Prosa: Mystik und Unterhaltung
Die Entwicklung der Prosadichtung, insbesondere der fiktionalen weltlichen Prosa, begann ab etwa 1300 und war entscheidend für die Entstehung der Belletristik.
Die Prosa der Mystik: Persönliche Gotteserfahrung
Die Mystik war ein zentrales Phänomen des Spätmittelalters. Mystiker suchten eine „direkte, persönliche“ Begegnung mit Gott, oft durch Meditation und Visionen, die über körperliche Institutionen hinausgingen. Sie berichteten: „Ich habe Gott begegnet!“
- Meister Eckhart war ein bedeutender Vertreter, der viele Neologismen prägte.
- Mechthild von Magdeburg schrieb
Das Fließende Licht der Gottheit, ein Werk über ihre mystischen Erlebnisse.
Diese Literatur legte den Grundstein für die Idee, dass auch das eigene Leben, die „Derzeit“, einen Wert hat, nicht nur das Handeln für Gott (Die Nachfolge Christi).
Die Unterhaltungsprosa: Für eine breite Leserschaft
Der Buchdruck ermöglichte eine weite Verbreitung von Prosaerzählungen und Prosaromanen, die zu „Volksbüchern“ wurden. Diese Texte richteten sich an das Bürgertum und deckten eine Vielzahl von Themen ab, oft in einfacher Sprache.
Werke wie Der Ackermann aus Böhmen von Johannes von Saaz stehen an der Wende zwischen Mittelalter und Frühneuzeit und zeigen schon humanistische Bewegungen.
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FAQ: Häufig gestellte Fragen zur Deutschen Literatur im Spätmittelalter
Was sind die Hauptmerkmale der Literatur im Spätmittelalter?
Die Hauptmerkmale sind der Aufstieg des Bürgertums als literarischer Träger, die Verlagerung der literarischen Zentren in die Städte, der Einsatz von Papier und der Buchdruck, sowie die Entwicklung von Frühneuhochdeutsch. Neue Formen wie Meistersang, Fastnachtspiel und eine vielseitige Prosa prägten die Epoche.
Welche Rolle spielte das Bürgertum in der Literatur des Spätmittelalters?
Das Bürgertum wurde zur treibenden Kraft und zum Hauptpublikum der Literatur. Handwerker und Kaufleute förderten Bildung und Kunst. Sie schufen neue Gattungen wie den Meistersang und die Fastnachtspiele und waren die Hauptleserschaft der neuen Unterhaltungsprosa, die ihre Lebenswelt widerspiegelte.
Was versteht man unter Meistersang und wer waren wichtige Vertreter?
Meistersang ist eine bürgerliche Gesangsform, die sich aus dem Minnesang entwickelte. Sie wurde von Handwerkern ohne musikalische Begleitung vorgetragen und diente dem Ausdruck von Kreativität. Wichtige Vertreter waren Hans Folz und Hans Sachs.
Welche Dramenformen gab es im Spätmittelalter und worin unterschieden sie sich?
Es gab religiöse Dramen wie Mysterien- und Osterspiele, die biblische und legendäre Stoffe darstellten, sowie weltliche Dramen, hauptsächlich in Form von Fastnachtspielen. Letztere waren humorvoll, volkstümlich und thematisierten oft das Alltagsleben mit viel Witz und Alltagssprache.
Wie beeinflusste der Buchdruck die Literatur im Spätmittelalter?
Der Buchdruck ab etwa 1460 revolutionierte die Verbreitung von Literatur. Er ermöglichte die Produktion zahlreicher Exemplare, senkte die Kosten und trug maßgeblich zur Standardisierung der Sprache (Frühneuhochdeutsch) bei. Dies führte zur Entstehung von Volksbüchern und einer breiteren Zugänglichkeit von Texten für das Bürgertum.