Pädiatrische Krankheitsbilder und Physiotherapie sind ein weitreichendes und entscheidendes Feld in der Gesundheitsversorgung von Kindern. Dieses Thema ist besonders für Studierende der Physiotherapie von großer Bedeutung, um ein tiefgehendes Verständnis für die speziellen Bedürfnisse junger Patienten zu entwickeln. Dieser umfassende Artikel beleuchtet verschiedene pädiatrische Krankheitsbilder, ihre Ätiologie, Klinik, Diagnose und die vielfältigen physiotherapeutischen Behandlungsansätze, die zur Verbesserung der Lebensqualität und motorischen Entwicklung der Kinder beitragen.
Grundlagen Pädiatrischer Krankheitsbilder und Physiotherapie
Die Physiotherapie bei Kindern unterscheidet sich grundlegend von der Behandlung Erwachsener, da sie die dynamische Entwicklung des Kindes berücksichtigen muss. Frühzeitige Erkennung und Intervention sind hierbei entscheidend, um langfristige Schäden und Folgeschäden zu vermeiden. Zu den häufigsten muskuloskelettalen Anomalien gehören der Torticollis und die Hüftdysplasie, aber auch neurologische Erkrankungen wie Plexuslähmungen oder Zerebralparesen erfordern spezialisierte Behandlungen.
Muskulärer Schiefhals (Torticollis Muscularis Congenitus)
Der muskuläre Schiefhals ist die dritthäufigste muskuloskelettale Anomalie bei Neugeborenen. Er entsteht oft durch eine Verletzung des M. sternocleidomastoideus während der Geburt, die zu Hämatombildung und später zu einer narbigen Verkürzung der Muskelfasern führt. Klinisch zeigt sich der Kopf zur betroffenen Seite geneigt und zur gesunden Seite gedreht. Eine frühzeitige Erkennung ermöglicht meist eine konservative Therapie mit gutem Ergebnis.
Was passiert bei Nicht-Behandlung?
Bleibt der Schiefhals unbehandelt, kann dies zu schwerwiegenden Folgen führen:
- Fibrose der zervikalen Muskulatur mit zunehmender Bewegungseinschränkung.
- Gesichtsasymmetrie aufgrund der weichen Knochenstruktur bei Säuglingen.
- Kompensatorische Skoliose.
- Plagiozephalus (verformter Schädel) durch einseitige Lagerung.
Physiotherapeutische Befundung bei Torticollis
Bei der Befundung werden Spontanmotorik, Sicht- und Tastbefund sowie die passive Beweglichkeit genau untersucht:
- Spontanmotorik: Reduzierte Beweglichkeit auf der betroffenen Seite, eingeschränkter Suchreflex.
- Sicht- und Tastbefund: Lateralflexion und Rotation des Kopfes sind eingeschränkt, Hypertonus der Halsmuskulatur, evtl. Plagiozephalus, Asymmetrie der Wirbelsäule (z.B. links konvex), Faltenbildung auf der betroffenen Seite.
- Passive Beweglichkeit: Reduzierte Kopfbeweglichkeit zur betroffenen Seite, schmerzadaptierte Bewegung.
Behandlungsziele und Maßnahmen bei Torticollis
Die Physiotherapie zielt darauf ab, die Bewegungseinschränkungen zu beheben und Folgeschäden zu vermeiden.
Kurzfristige Behandlungsziele:
- Verbesserung der Beweglichkeit in HWS und Schulter.
- Tonusregulation der hypertonen Muskulatur (insbesondere M. sternocleidomastoideus).
- Verbesserung der Ödemresorption.
- Elternanleitung zum Handling und zur Lagerung des Kindes.
- Förderung der Statik und Symmetrie.
- Verbesserung der Wahrnehmung der betroffenen Seite und Abbau der Vorzugshaltung.
Langfristige Ziele:
- Vermeidung von Folgeproblemen und Sekundärschäden.
- Verminderung eines Plagiozephalus.
Wichtige Maßnahmen:
- Detonisierung: Caudalisierung der Schultern, warme Rolle, leichte Weichteiltechniken/Zirkelungen, Funktionsmassage, Vojta, Kinesiotaping.
- Verbesserung der Beweglichkeit: Visuelle/akustische Reize zur Kopfdrehung, Lagerung (Schriftrolle, Seitenlage auf nicht betroffene Seite mit Kopfunterlagerung).
- Förderung der Symmetrie der WS: Traktion der HWS in Rückenlage über die Beine, Bauchmuskelaktivierung, Hochheben über die betroffene Seite, Drehen über die betroffene Seite.
- Verbesserung der Wahrnehmung: Elternanleitung (Nahrungsaufnahme, Bett umstellen, Hochheben über die nicht betroffene Seite), Hand-Hand-Kontakt, verschiedene Reize auf der betroffenen Seite (anpusten, streicheln, eincremen).
Fazialisparese bei Kindern
Die Fazialisparese im Kindesalter entsteht oft bei einer Zangengeburt durch Kompression der peripheren Äste des N. fascialis. Andere Ursachen können Infektionen (z.B. Borreliose), Traumata oder Tumore sein. Klinisch zeigt sich eine offene Lidspalte, fehlende Nasolabialfalte, und beim Schreien wird der Mund zur gesunden Seite gezogen. Die Prognose ist meist gut, mit Rückbildung innerhalb weniger Wochen, oft unterstützt durch Übungsprogramme.
Übungshinweise bei Fazialisparese
Übungen sollten spielerisch gestaltet und schmerzfrei durchgeführt werden, idealerweise 3x täglich vor einem Spiegel.
- Vorbereitung: Gesicht massieren (vor, während und nach den Übungen, bei Schmerzen).
- Stimulation: Zusätzlich Eis oder Zahnbürste für Temperaturreize.
- Spielerische Übungen: Gesicht sanft ausstreichen (längs/quer), Klopfen/Zupfen, Augenbrauen hochziehen/zusammenziehen, Augen weit öffnen/fest schließen, Nase rümpfen, Mund breit ziehen/Oberlippe vorschieben, Wangen aufblasen, Tiergesichter (Fisch, Löwe, Hase), Lippen kräftigen (Wasser blasen, Wattebällchen über den Tisch schieben), Lächeln halten, Trinken mit Strohhalm, Joghurt saugen, Augen fest schließen und öffnen, sanftes Streichen über Wangen und Mund.
Klavikulafraktur (Schlüsselbeinfraktur)
Die Klavikulafraktur ist eine häufige Geburtsverletzung, insbesondere bei hohem Geburtsgewicht, großen Kindern oder hohem Druck während der Geburt. Klinische Anzeichen sind Schwellung, Krepitation (knirschendes Geräusch) und Schonhaltung des Armes, gefolgt von der Bildung eines derben Kallus. Ein asymmetrischer Ausfall der Armreaktion beim Moro-Reflex kann ebenfalls ein Hinweis sein. Die Prognose ist ausgezeichnet, meist heilt die Fraktur ohne spezielle Behandlung vollständig aus.
Plexusparese (Armplexuslähmung)
Eine Plexusparese ist eine Schädigung des Nervengeflechts im Halsbereich, meist in Folge einer schwierigen Geburt (z.B. Schulterdystokie). Es handelt sich um eine periphere Parese, die zu motorischen und sensiblen Ausfällen im betroffenen Arm führt. Kennzeichnend sind schlaffe Lähmungen, Atrophien der betroffenen Muskeln, Funktionseinbußen, fibrotischer Umbau der nicht innervierten Muskeln, vegetative/trophische Störungen, gestörte Entwicklung des Körperschemas, sensible Störungen und Minderung/Fehlen der Muskeleigenreflexe.
Formen der Plexusparese:
- Obere Plexusparese (Erb-Duchenne-Lähmung): Schädigung der Nervenwurzeln C5-C6. Ätiologie: Missverhältnis zwischen Säuglingsproportionen und Beckenmaßen der Mutter, Schulterdystokie, verzögerte/instrumentelle Geburt, Beckenendlage, Klavikulafraktur.
- Mittlere Plexusparese: Schädigung C7 (Ausfall M. triceps + Handgelenksextensoren). Oft zur oberen Parese gezählt.
- Untere Plexusparese (Klumpke-Lähmung): Schädigung der Nervenwurzeln C8-Th1.
Nervenschädigungsgrade:
- Neurapraxie: Zerstörung der Markscheiden, Ödembildung, funktioneller Leitungsblock. Gute Erholungschancen (4 Wochen Heilung dauert 3-4 Monate).
- Axonotmesis: Unterbrechung der endoneuralen Strukturen und des Axons, Nervenhüllen intakt.
- Neurotmesis: Irreversible Ruptur der Nervenfasern und Hüllen.
Physiotherapeutischer Befund bei Plexusparese
Die Befundung umfasst Kopf, Rumpf, Arme der betroffenen Seite und Reflexe:
- Kopf: Vorzugseite zur gesunden Seite, asymmetrische Kopfkontrolle.
- Rumpf: Asymmetrische Rumpfaktivität, Rumpfneigung zur gesunden Seite, einseitiges Stützmuster in Bauchlage.
- Arme (betroffene Seite): Ellenbogen in Extension, fehlende/stark reduzierte Ellenbogenflexion, Bizepsaktivität nicht/schwach palpierbar, schlaffer Arm, Unterarm meist proniert, fehlende aktive Supination.
- Reflexe: Greifreflex abgeschwächt/verzögert, Moro-Reflex asymmetrisch, Schutzreaktionen fehlen auf betroffener Seite.
Kurz- und Langfristige Ziele der Physiotherapie bei Plexusparese
Kurzfristige Ziele:
- Schmerzfreie Beweglichkeit erhalten.
- Vermeidung von Kontrakturen.
- Förderung der Spontanmotorik.
- Verbesserung der sensorischen Wahrnehmung des Armes.
- Elternschulung.
Langfristige Ziele:
- Symmetrische Körper- und Bewegungsentwicklung.
- Vermeidung von Fehlhaltungen und Schulterdeformitäten.
- Integration des betroffenen Arms in Spiel & Alltag.
- Entwicklung aktiver Armfunktion.
Wichtige Maßnahmen und Elternschulung:
- Schmerzfreie Beweglichkeit erhalten: Therapie ausschließlich schmerzfrei, Vermeidung von Zug- und Hebelbewegungen, ruhige, langsame passive Bewegungsführung, Beobachtung von Stresssignalen des Säuglings.
- Vermeidung von Kontrakturen: Passive Mobilisation ohne Dehnung des Plexus (z.B. keine massive Depression/Lateralflexion der HWS zur nicht betroffenen Seite), langsame, rhythmische Bewegungen.
- Förderung der Spontanmotorik: Aktive Bewegungsangebote über Spiel (greifen, tasten), Spiegeltherapie bei älteren Säuglingen.
- Sensorische Wahrnehmung verbessern: Taktile Stimulation (Massage, Tapping), Temperatur- und Materialwechsel, Hand-Hand-, Hand-Mund-Kontakt fördern.
- Elternschulung: Immer Kopf stabilisieren (keine Dehnung auf Plexus!), Arm sanft unterstützen/mitführen beim Anziehen, Heben, Tragen, regelmäßige Positionswechsel, Arm bewusst einbeziehen.
Mögliche Folgeprobleme und Red Flags
- Folgeprobleme: Asymmetrien (WS, Schultergürtel, Beckengürtel), Längendifferenz der Oberarmknochen, muskuläre Kontrakturen (Ellenbogen-, Schultergelenk).
- Red Flags: Starke Schmerzreaktion, zunehmende Asymmetrie, fehlende Spontanbewegung des Armes über Wochen, Horner-Syndrom (Hinweis auf Wurzelausriss), Atemauffälligkeiten (Zwerchfellparese).
Kontraindikationen für Physiotherapie:
- Zug- oder ruckartige Bewegungen im betroffenen Arm.
- Überdehnung der Schulter (v.a. Kombination aus Adduktion und Abduktion).
- Schmerzprovokation.
Fußfehlstellungen bei Kindern
Pädiatrische Fußfehlstellungen sind häufig und können angeboren oder erworben sein. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie sind entscheidend.
Sichelfuß (Pes Metatarsus Adductus)
Definition: Adduktion des Vorfußes, oft beidseitig.
Ursache: Ungeklärt, Theorien umfassen intrauterinen Platzmangel, Fruchtwassermangel, Steißlage oder Kombinationen mit Hüftdysplasie.
Klinik: Konvexer lateraler Fußstrahl, konkaver medialer Fußstrahl, Fußstrahlen stehen nicht parallel, Hohlfußkomponente durch mediale Verkürzung.
Muskuläre Situation: M. abductor hallucis verkürzt, zieht Vorfuß in Varusstellung mit Abduktion der Großzehe; M. tibialis anterior dextriert mit Supination; M. adductor hallucis verkürzt Quer- und Längsgewölbe, entwickelt Hohlfußtendenz.
Therapie: Dehnung Fußinnenrand bei Hüftgelenksflexion/Abduktion, funktionelles Wickeln.
Klumpfuß (Pes Equinovarus Congenitus)
Definition: Angeborene komplexe Fehlbildung des ganzen Fußes und Unterschenkels. Familiär gehäuft, unilateral, unklare Ursache.
Klinik: Spitzfußstellung, Rückfuß in Inversion, Vorfuß in Adduktion.
Behandlungsziele der dreidimensionalen manuellen Fußtherapie:
- Möglichst funktionellen Fuß erhalten.
- Verbesserung/Erhalt der Bewegung.
- Aktivierung/Kräftigung der Muskulatur.
- Verbesserung von Gangbild und Gleichgewicht.
- Aufhebung der Adduktionskontraktion in der Hüftgelenksmuskulatur.
- Korrekte Einstellung der Beinachse (Aufhebung der Innenrotation des Unterschenkels).
- Parallelstellung beider Fußstrahlen in Supination.
- Beseitigung der Varusstellung der Ferse.
- Erreichen freier Beweglichkeit und der drei Dimensionen des Fußes (Länge/Breite/Höhe).
- Erlangen normaler Bewegungsmuster.
Maßnahmen: Aufdehnung des Längsgewölbes, Zehenflexoren, Achillessehne/Waden. Aktivierung der Peronealmuskulatur (Streichungen, sensorische Inputs bei Säuglingen; Fersenlaufen, Seitwärtslaufen, Balanceübungen bei älteren Kindern). Nach Gipsbehandlung Narbenmassage addieren.
Elternanleitung: Erlernen der Fußaufdehnung, Aktivierung/Kräftigung mehrmals täglich, ggf. Unterschenkelorthese und Lagerungsschienen für nachts. Ein Rezidiv nach Operation ohne Übung ist sehr hoch.
Hohlfuß (Pes Cavus)
Definition: Vermehrte Aufsprengung des Fußlängsgewölbes.
Ursache: Intrauteriner Platzmangel, selten neurologische Grunderkrankungen, häufig neurologisch.
Diagnose: Vermehrte Steilstellung des Fersenbeins (Röntgenkontrolle).
Therapie: Konservativ mit Redressionsgips (falls nötig), spontane Heilung durch Bewegungsabläufe des Säuglings, Therapiegriffe und Wickeln. Bei älteren Kindern Bettung mittels Einlagen, orthopädische Schuhe. Operation sehr selten, ggf. Durchtrennen der Plantarfaszie.
Plattfuß (Pes Planus)
Definition: Angeborene/erworbene Fehlstellung des Fußes mit verminderter oder fehlender Ausbildung des Längsgewölbes.
Ursache: Häufig bei unter 4-Jährigen physiologisch (Längsgewölbe noch nicht voll ausgebildet, mangelnde Kraft der Unterschenkelmuskulatur), bei älteren Kindern angeborene Bänderschwäche.
Therapie: Fußlängsgewölbe trainieren.
Hüftdysplasie (Entwicklungsdysplasie der Hüfte)
Definition: Angeborene/erworbene Fehlstellung des Hüftgelenks, gekennzeichnet durch eine Reifestörung der Hüftpfanne und Störung der Verknöcherung des Pfannenkerns.
Inzidenz: 2-4%, häufigste angeborene Skeletterkrankung bei Neugeborenen, 20% genetisch.
Ursachen: Intrauteriner Platzmangel, Beckenendlage, Fruchtwassermangel, Mehrlingsgravidität.
Was passiert, wenn es unbehandelt bleibt? Schwere Missbildungen der Gelenkpfanne und des Femurs, ausgeprägte Beinlängendifferenz, Gehbehinderung.
Symptome:
- Säugling: Asymmetrische Gesäß- und Leistenfalten, Beinlängendifferenz, Abspreizhemmung auf betroffene Seite, wenig Spontanbewegung des betroffenen Beins.
- Gehfähige Kinder: Beinlängendifferenz, Trendelenburg/Duchenne-Gang, innenrotierter Gang, Hyperlordose der LWS, Kontraktur, vermehrte Innenrotationsbeweglichkeit.
Ärztliche Diagnostik: Hüftsonographie (spätestens U3), Familienanamnese, Roser-Ortolani-Zeichen, Barlow-Test, Adduktionsfähigkeit im Seitenvergleich, Oberschenkellänge (Galeazzi-Zeichen).
Ärztliches Behandlungsprozedere:
- Reposition bei dezentrierten Hüften.
- Retention in Gips oder Paulik-Bandage/Tübinger Schiene (Flex 100-110°, Abduktion bis 45°).
- Nachreifung.
Physiotherapeutische Ziele:
- Elternanleitung.
- Verbesserung der Körperwahrnehmung.
- Verbesserung der Rumpfkontrolle.
- Verbesserung der Schulter-Nacken-Linie.
Kontraindikationen: Extension, Adduktion, Innenrotation, Seitenlage nicht möglich (wegen Schiene), Drehen über die betroffene Seite.
Trisomie 21 (Down-Syndrom)
Definition: Genetische Erkrankung, bei der Chromosom 21 dreifach vorhanden ist.
Klinik (Kraniofaszial): Brachyzephalie, schräge Lidachsen (mandelförmige Augen), vergrößerter Augenabstand, orofasziale Hypotonie, tiefer Ohrenansatz, kleine Nase, breite Nasenflügel.
Körperstrukturen: Generelle Muskelhypotonie, verlangsamte Reflexe, Vierfingerfurche, Sandalenfurche, Pes Planus, verkürzte Röhrenknochen, Atlantoaxiale/-okzipitale Instabilität, Gelenkinstabilität, Schwerhörigkeit, Kleinwüchsigkeit, Neigung zu Adipositas, Sehbehinderung, Bandlaxität.
Organe: Herzfehler, GI-Defekte, Neigung zu Obstipation, M. Hirschsprung, erhöhte Infektanfälligkeit, erhöhtes Leukämie- und Hyperthyreoserisiko, Neigung zu Diabetes Mellitus.
Prognose: Sehr individuell, durchschnittliche Lebensdauer 65 Jahre.
Folgen der Bandlaxität: Habituelle Patellaluxation, Pes Varus, Hüftdysplasie/Hüftluxation.
Klinik (Motorik): Verzögertes Erreichen der motorischen Meilensteine, geringere Rumpfstabilität, unzureichende Stützaktivität der oberen Extremitäten, unzureichende Stabilität der Beinachse, Skoliose.
Entwicklungstabelle bei Down-Syndrom (Beispiele):
- Drehen: 6-9 Monate (Durchschnitt: 6 Monate)
- Sitzen: 8-12 Monate (Durchschnitt: 8 Monate)
- Krabbeln: 12-18 Monate (Durchschnitt: 9 Monate)
- Laufen: 23-32 Monate (Durchschnitt: 15 Monate)
Herausforderungen in der PT: Assessment schwierig (starker Eigenwille, kognitiv eingeschränkt), Komplexität der Erkrankung (innere Organe, HWS-Instabilität).
Physiotherapeutische Ziele:
- Funktions- und Strukturebene: Verbesserung orthopädischer Probleme, muskulärer und kardiovaskulärer Ausdauerleistung, orofazialer Tonusregulation, Anregung der Kognition, Infektprophylaxe, Vermeidung von Sekundärschäden.
- Aktivitäten und Partizipation: Erreichen des nächsthöheren Entwicklungsschrittes, Erreichen mindestens einer vertikalen Position, einer sicheren Fortbewegungsart, Heranführen an Regel- oder Inklusionssportarten.
- Umweltfaktoren: Elternanleitung (aktive Lebensgestaltung, aktivierende Umfeldgestaltung).
- Personenbezogene Faktoren: Verbesserung der Compliance und intrinsischen Motivation für körperliche Aktivität, Verbesserung der Handlungs- und Sozialkompetenz.
Wichtige Maßnahmen: Fokus auf Beinachse/Beinaktivität (Laufbandtraining effektiv), Anpassung des Umfeldes (z.B. bei verkürztem Humerus). Häufig genutzte Fortbewegung: Po-Rutschen/Sitzrutschen (keine Stützaktivität obere Extremitäten).
Behandlungsmöglichkeiten: Bobath-Konzept, Vojta-Konzept, Castillo-Morales-Konzept, dreidimensionale Fußtherapie nach Barbara Zukunft-Huber, Sensomotorische Integration, Psychomotorik, Atemtherapie.
Hilfsmittel: Sitzversorgung, Therapiestühle, Reha-Buggys, Gehhilfen, Autositzversorgung, Therapie-Drei-/Fahrräder, orthopädische Versorgung (Einlagen, Orthesen, Therapieschuhe, Gaumenplatte).
Muskeldystrophie Duchenne und Becker
Definition: Fortschreitender Muskelabbau.
- Duchenne Muskeldystrophie: Schwere, rasch fortschreitende Form (X-chromosomal rezessiv). Progredienter Umbau von Muskelgewebe in Bindegewebe.
- Becker Muskeldystrophie: Langsam fortschreitende Form.
Klinik: Genu Valgum oder Kugelwaden, Lordose, Watschelgang, zunehmende Muskelschwäche im Becken-Beinbereich, Stolpern und Fallneigung, Pseudohypertrophie (v.a. Wade), Sensibilität vorhanden, Abnahme der Mobilität, Gowers-Zeichen.
Komplikationen/Spätfolgen: Kontrakturen, Deformitäten, Skoliose, Ateminsuffizienz, Osteoporose, Spontanfrakturen, chronische Schmerzen, Inkontinenz.
Therapieziele: Kontrakturprophylaxe, Dekubitusprophylaxe, Pneumonieprophylaxe, Skolioseprophylaxe, Hilfsmittelversorgung, ADL (Rollstuhl fahren, Ein- und Aussteigen), Erhalt der innervierten Muskulatur (nicht zu viel trainieren), Erhalt der Beweglichkeit, Haltungstraining.
Spina bifida (Offener Rücken)
Definition: Angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule, bei der sich Wirbelsäule und/oder Rückenmark in der frühen Embryonalentwicklung nicht vollständig schließen.
Wichtiger Risikofaktor: Folsäuremangel in der Frühschwangerschaft.
Formen:
- Spina bifida occulta („versteckte Form“): Wirbelbogen nicht vollständig geschlossen, Haarbüschel oder Grübchen über der Stelle.
- Meningozele: Rückenmarkshäute treten sackartig nach außen, Rückenmark meist korrekt liegend.
- Myelomeningozele (schwerste Form): Rückenmark und -häute treten nach außen, häufig Lähmungen, Sensibilitätsstörungen.
Klinik: Querschnittslähmung (komplett/inkomplett), vermehrter Haarwuchs, Klumpfuß/Hackenfuß, Kontrakturen, Hydrozephalus, Blasen- und Mastdarmstörungen, meist schlaffe Lähmung, nicht progredient.
Ursachen: Folsäuremangel, Medikamente der Mutter, genetische Prädisposition, Diabetes Mellitus der Mutter.
Komplikationen/Langzeitfolgen: Kontrakturen, Deformitäten, Skoliose, Dekubitus, Luxationen, Osteoporose, Spontanfrakturen, chronische Schmerzen, Inkontinenz, Atemmuskelschwäche.
Zerebralparese (ICP)
Definition: Bleibende, aber nicht unveränderbare Störung der Haltung und Bewegung des Kindes (Spastik, Dyskinesie, Ataxie), erworben im Verlauf der frühen Hirnentwicklung. Nicht fortschreitendes Leiden, oft mit anderen Störungen (Intelligenzminderung, Anfälle, Teilleistungsschwächen, Verhaltensauffälligkeiten) kombiniert.
Prävalenz: 2-3 pro 1000 Geburten.
Ursachen: Läsion oder Fehlentwicklung des ZNS (genetische Defekte, Schädigungen prä-, peri- oder postnatal wie Asphyxie, Hirnblutungen, Infektionen, Missbildungen).
Subtypen ICP: Bilaterale spastische CP (60%), unilaterale spastische CP (30%), dystone CP (6%), ataktische CP (4%).
Klinik der spastischen CP
- Gesteigerter Muskeltonus, abnorme Reflexe und Reaktionen, abnorme Haltungs- und Bewegungsmuster.
- In Rückenlage: Primitives Strampeln, Beine überkreuzt oder in Extension/Adduktion/Innenrotation, keine Rumpfrotation, Beckenbeugehaltung, Arme in Henkelstellung, Faust, Daumen inklinierter.
- Drehen RL → BL: Kopf leitet Drehbewegung ein, Beine steif gestreckt, Drehung en bloc (ohne Rotation zwischen Schultern und Becken).
- Lagewechsel/Sitz: Kyphosierte Wirbelsäule, Kopf in Flexion, Sitz auf dem Sakrum, Becken dorsal gekippt, Beine extendiert in Hüfte und Knie, Adduktion, Innenrotation, Füße in Plantarflexion, bevorzugt Zwischenfersensitz.
- Stand: Hyperextension des Kopfes, Abstrecken der Arme, labiler Rumpf, Hyperlordose LWS, Flexionsstellung der Hüften, Adduktion und Innenrotation der Beine, Flexionsstellung der Füße, Pronationsstellung des Vorfußes.
Klinik der dykinetischen CP
- Unwillkürliche, unkontrollierte, wiederkehrende, gelegentlich stereotype Bewegungen, abnorme Haltungs- und Bewegungsmuster. Kann dystone CP (Hypokinesie und Hypertonie) oder choreo-athetoide CP (Hyperkinesie und Hypotonie) sein.
- Kopf nicht in der Mitte, Rumpfneigung zur Gesichtsseite, schlangenartige Windungen, unkoordiniertes Greifen mit übermäßiger Extension, keine Symmetrie/Orientierung zur Mitte, Beine meist weniger betroffen.
Pathologische Reflexe: Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR), symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR), assoziierte Reaktionen.
Komplikationen: Knochen- und Gelenkdeformitäten, Luxationen, Kontrakturen, Skoliosen, Wahrnehmungsstörungen.
Therapie bei ICP: Physiotherapie (Vojta, Bobath), heilpädagogische Frühförderung, orthopädische Maßnahmen, Logopädie, Ergotherapie, Sprachtherapie.
Problemstellungen aus physiotherapeutischer Sicht: Tonusveränderungen (Rumpf hypoton, Extremitäten hyperton), motorische/kognitive Retardierung, Luxationen, Kontrakturen, Gelenk-/Statikdeformitäten, Wahrnehmungsstörungen, Schluck-/Trink-/Essstörungen, spastische Muster, Atembeschwerden, Unselbstständigkeit, Mobilitätseinschränkungen.
Behandlungsziele: Optimale Tonusverhältnisse, höchstmögliche Selbstständigkeit, Förderung von Bewegungsübergängen, Verbesserung kognitiver Fähigkeiten, entwicklungsangepasste Spielfähigkeit, Vorbeugung von Folgeschäden, Verbesserung von Körperwahrnehmung, Atmung, Kommunikation, Nahrungsaufnahme, Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer, Körperhaltung, Elternanleitung, Hilfsmittelversorgung.
Frühgeborene und Physiotherapie
Frühgeborene benötigen aufgrund ihrer unreifen Entwicklung besondere Aufmerksamkeit in der Physiotherapie, um Entwicklungsverzögerungen und -störungen entgegenzuwirken.
Risiken und Langzeitentwicklungstendenzen:
- Risiken: Hypothermie, Atemnotsyndrom, bronchopulmonale Dysplasie, Saug-/Schluckstörungen, Infektrisiko, Frühgeborenen-Retinopathie, Hirnblutungen, zerebrale Schädigungen.
- Langzeitentwicklungstendenzen: Sensomotorische Entwicklungsstörungen, neurologische Störungen, kognitive und sprachliche Defizite, sozio-emotionale Probleme, Seh-/Hörbehinderung, Koordinations-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Gedeih- und Funktionsstörungen, Lern-/Schulprobleme.
Typische Haltung: Lageinstabilität, Hyperexizitabilität, kompensatorische Haltungs- und Bewegungsmuster, Deformitäten.
Folgen für die Sensorik: Schlechte Körperwahrnehmung durch wenig intrauterine Erfahrung und Lageunsicherheit, schlechte Erfahrung mit neuer Umwelt.
Handlungsprinzipien der PT: Ruhepausen beachten, ruhige Atmosphäre schaffen, korrekte Lagerung, Elternanleitung, langsam und ruhig arbeiten, mit dem Kind sprechen, fester, klarer Handkontakt, nicht zu viele Reize gleichzeitig, Kind Zeit zur Anpassung geben, orofasziale Funktionen verbessern.
Warum ist die Lagerung so wichtig? Deformitäten vermeiden (Kopf, Hüfte, Schultern), Lagesicherheit/Geborgenheit geben, sensorische Entwicklung fördern (Eigenwahrnehmung), Muskelgleichgewicht gleichmäßig ansprechen, physiologische Beugehaltung unterstützen, Körpermitte finden.
Diabetes Mellitus bei Kindern
Diabetes bei Kindern ist eine chronische Erkrankung, die eine umfassende medizinische und physiotherapeutische Betreuung erfordert.
Formen:
- Prädiabetes: Blutglukosespiegel zu hoch, aber noch nicht als Diabetes eingestuft. Häufig bei Jugendlichen mit Adipositas.
- Typ 1 Diabetes (angeboren): Bauchspeicheldrüse bildet zu wenig oder kein Insulin. Häufigste Art bei Kindern (2/3 der Fälle). Immunsystem zerstört Inselzellen.
- Typ 2 Diabetes: Körperzellen reagieren nicht angemessen auf Insulin (Insulinresistenz). Häufiger bei älteren Kindern mit Übergewicht.
Risikofaktoren Typ 2 Diabetes: Bluthochdruck, ungünstige Blutfettwerte, Fettleber, zu kleine Säuglinge, Diabetes der Mutter in der Schwangerschaft, fehlende körperliche Betätigung.
Symptome:
- Typ 1: Häufiges Wasserlassen, Wachstumsverzögerung (50%), Gewichtsverlust (50%), großer Durst.
- Typ 2: Keine/leichte Symptome, Müdigkeit, vermehrte Urinausscheidung, verstärkter Durst.
Diabetische Ketoazidose (DKA): Lebensbedrohliche Komplikation durch Insulinmangel (z.B. Pumpenprobleme, fehlende Insulineinnahme, erhöhter Bedarf bei Krankheit). Symptome: Dehydration, Verwirrtheit, Bauchschmerzen, Übelkeit, Tachypnoe, Kussmaul-Atmung, Erbrechen, Bewusstseinseinschränkung.
Komplikationen: Austrocknung, Schwäche, Müdigkeit, schneller Puls, Übelkeit/Erbrechen durch Ketone, Sehstörungen. Langfristig: Verengung kleiner/großer Blutgefäße, Organschäden (Augen, Nieren, Nerven, Herz, Gehirn).
Behandlung: Ernährung, körperliche Aktivität. Typ 1: Insulin. Typ 2: Metformin/andere Medikamente. Hauptziel: Blutzuckerspiegel im Normbereich halten (Cave: Hypoglykämie).
Anzeichen für Hypoglykämie: Schwitzen, Blässe, Zittern, Müdigkeit, Heißhunger, plötzliche Wesensveränderungen (aggressiv, weinerlich, apathisch), Unaufmerksamkeit. Maßnahmen: Traubenzucker, Fruchtsäfte, bei Bewusstlosigkeit Arzt rufen.
Physiotherapeutische Ziele: Abstimmung Insulingabe und körperliche Betätigung, Verbesserung von Kraft, Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit, koronarer Durchblutung, Herztätigkeit, Sauerstoffzufuhr, Reduktion von Stoffwechselstörungen (positiver Einfluss auf Blutzucker).
Physiotherapeutische Maßnahmen: Bewegungsübungen, Dauerbelastung im submaximalen Bereich, kurze Erholungsphasen, Übungen mit Geräten, Spiele.
Verlauf der Therapie:
- Aufwärmphase: Niedrige bis mittlere Intensität mit kurzen Erholungsphasen.
- Hauptteil: Ausgewogenes Verhältnis von Belastung und Erholung, unterschiedliche Zielsetzungen.
- Schluss: Spiele, Dehn- oder Entspannungsübungen.
Diagnostik der Motorischen Entwicklung: Reflexe und Lagereaktionen
Die motorische Entwicklung von Säuglingen wird maßgeblich von Reflexen und Reaktionen beeinflusst. Ihre Ausprägung und Waltezeit geben Aufschluss über den Reifegrad des Gehirns und die Entwicklung der Motorik. Pathologische Veränderungen können auf neurologische Störungen hinweisen.
Frühkindliche Reflexe und ihre Bedeutung
Primitive Reflexe dienen der Sicherung von Nahrung und Schutz und werden subkortikal verschaltet. Mit zunehmender Reifung der Großhirnrinde treten sie in den Hintergrund oder werden modifiziert zu Schutzreflexen.
Beispiele frühkindlicher Reflexe:
- Ernährungsreflexe: Saugreflex, Suchreflex, Rooting, Babkinreflex.
- Greifreflexe: Handgreifreflex (bis ca. 4. Monat), Fußgreifreflex (bis ca. 10./12. Monat).
- Motorische Augenreflexe: Glabellareflex (bis ca. 4. Woche).
- Beinreflexe: Magnetreflex (bis ca. 6./8. Wochen), Gekreuzter Streckreflex (bis ca. 6. Woche), Extensorenstoß der Beine (bis ca. 4. Wochen), Suprapubischer Streckreflex (bis ca. 4. Woche).
- Rumpfaktivitäten: Gehautomatismus/Schreitreaktion (bis ca. 4. Wochen), Placingreaktion/Steigreaktion (bis ca. 2. Monat), Bauerreaktion/Kriechreaktion (bis ca. 4. Monat), Galantreflex (bis ca. 4. Monat).
- Labyrinthreaktionen: Mororeaktion (1. Phase = 6 Wochen, 2. Phase = 3. Monat), Sprungbereitschaft/Parachutreaktion (ab 5./6. Monat, lebenslang).
- Reflexe zur Verarbeitung der Wahrnehmung: ROF (ab 3./4. Monat, lebenslang), RAF (ab 10. Lebenstag).
Lagereaktionen: Provokationsdiagnostik der ZNS-Reifung
Lagereaktionen sind provozierte Reflexhaltungen und -bewegungen auf eine bestimmte Änderung der Körperlage, die sich je nach Entwicklungsstufe modifizieren. Sie dienen der frühzeitigen Erkennung zentraler Koordinationsstörungen (ZKS).
Die 7 Lagereaktionen nach Vojta:
- Traktionsversuch: Kind wird aus Rückenlage langsam hochgezogen (Phasen bis 14. Monat).
- Landau-Reaktion: Kind wird unter dem Bauch horizontal gehalten (Phasen bis 8. Monat).
- Axillarhängeversuch: Kind wird am Rumpf vertikal gehalten (Phasen ab 1. Woche bis 8. Monat).
- Vojta-Seitkipp-Reaktion: Plötzliches Seitkippen in horizontale Lage (Phasen bis 20. Woche).
- Collis Horizontalis Reaktion: Kind wird am Oberarm und gleichseitigen Oberschenkel frei gehalten (Phasen bis 10. Monat).
- Collis Vertikalis Reaktion: Kind wird an einem Knie gehalten und plötzlich kopfüber in die Vertikale gebracht (Phasen ab 1. Woche bis 7. Monat).
- Kopfabhangversuch nach Piper-Isbert: Kind wird an den Knien gefasst und plötzlich kopfüber in die Vertikale gebracht (Bewertung im Augenblick des Hochhebens).
Ergebnisse und Therapieindikationen: Die Anzahl der abnormen Lagereaktionen korreliert mit dem Schweregrad der ZKS. Bei 5-6 abnormen Reaktionen sollte eine gezielte Therapie beginnen, bei 7 abnormen Reaktionen und deutlicher Tonusstörung ist Therapie zwingend erforderlich.
Sensomotorische Entwicklung im ersten Lebensjahr
Die sensomotorische Entwicklung beschreibt das Zusammenspiel zwischen Reizaufnahme (Sensorik) und Reizantwort in Form von Bewegung (Motorik). Sie ist entscheidend für Körperwahrnehmung, Bewegungsplanung und Lateralität (Symmetrie/Asymmetrie).
Merkmale des Neugeborenen: Stark von Reflexen bestimmt (Beugetonus), unkoordinierte Bewegungen (Holokinese).
Entwicklung von: Stütz- und Schutzfunktionen für aufrechte Körperhaltung und Fortbewegung.
Fortlaufende Entwicklung: Verbesserung motorischer und geistiger Fähigkeiten, Förderung von Autonomie und Interaktion mit der Umwelt.
Grundprinzipien: Wechselspiel zwischen Bewegung und Wahrnehmung, genetischer Plan modifiziert durch Umwelteinflüsse. Nichterreichen von „Grenzsteinen“ signalisiert mögliche Störungen.
Motorische Entwicklung im 1. Trimenon (0-3 Monate):
- 1. Monat: Holokinese, primitives Strampeln, Kopf seitlich abgelegt, asymmetrische WS, Arme in Henkelstellung, Hände gefaustet, Beine in Flexion/Abduktion/Außenrotation.
- 2. Monat: Alternierendes Strampeln, Kopf kurzzeitig in Mitte, UA-Stütz (Kopf 45° angehoben), Arme nähern sich Körpermitte, Hände manchmal geöffnet, Fechterstellung (6.-8. Woche).
- 3. Monat: Freies Tragen der Beine, Hand-Hand-/Hand-Mund-Koordination, symmetrischer Ellenbogenstütz (Kopf frei getragen, Ellbogen unter Schulter).
Motorische Entwicklung im 2. Trimenon (4-6 Monate):
- 4. Monat: Einzelellenbogenstütz (ein Arm stützt, der andere greift), laterales/palmares Greifen, Hand-Auge-Mund/-Oberschenkel-Koordination.
- 5. Monat: Greifen über die Mitte, Greifen mit weniger Pronation, Handwurzelstütz, Hand-Knie-Koordination.
- 6. Monat: Handstütz, koordiniertes Drehen von Rückenlage in Bauchlage, radiales Greifen, Hand-Fuß-Koordination, Pivoting (Drehen um eigene Achse).
Motorische Entwicklung im 3. Trimenon (7-9 Monate):
- 7. Monat: Robben, Gartenzwerghaltung, Beginn Rocking (Wippen im Vierfüßlerstand), Hand-Fuß-Mund-Koordination.
- 8. Monat: Beginn Krabbeln, Rocking, Seitsitz/schräger Sitz, Beginn Pinzettengriff.
- 9. Monat: Sicherer Vierfüßlerstand, unreifes Krabbeln (mit Lateralflexion WS), Hochziehen an Gegenständen, unreifer Langsitz.
Motorische Entwicklung im 4. Trimenon (10-12/15 Monate):
- 10. Monat: Reifes Krabbeln (ohne Lateralflexion, Füße auf Unterlage), Aufrichten über Einbeinkniestand, Beistellschritt an Gegenständen.
- 11. Monat: Kurzzeitig freies Stehen, Greifen von Stützfläche zu Stützfläche (erste freie Schritte), Pinzettengriff.
- 12.-15. Monat: Freies Aufstehen im Raum über Bärenstand, freies Laufen.
FAQ zu Pädiatrischen Krankheitsbildern und Physiotherapie für Studierende
Was ist der Unterschied zwischen angeborenen und erworbenen pädiatrischen Krankheitsbildern?
Angeborene Krankheitsbilder sind bereits bei der Geburt vorhanden, oft bedingt durch genetische Faktoren, Entwicklungsstörungen während der Schwangerschaft oder Komplikationen bei der Geburt (z.B. Hüftdysplasie, Torticollis, Spina bifida). Erworbene Krankheitsbilder entwickeln sich nach der Geburt durch äußere Einflüsse wie Unfälle, Infektionen oder Umweltfaktoren (z.B. eine später auftretende Fazialisparese oder bestimmte Formen von Fußfehlstellungen).
Warum ist die Elternanleitung ein so wichtiger Bestandteil der pädiatrischen Physiotherapie?
Die Elternanleitung ist essenziell, da die physiotherapeutische Behandlung nur einen Bruchteil des Tages ausmacht. Eltern sind die Hauptbezugspersonen und können durch angeleitete Übungen, korrektes Handling und eine förderliche Umgebung die Therapieziele kontinuierlich unterstützen. Dies sichert den Therapieerfolg, fördert die Compliance und stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kind. Bei vielen Krankheitsbildern, wie dem Torticollis oder der Plexusparese, ist die konsequente häusliche Umsetzung der Maßnahmen entscheidend für die Prognose.
Welche Rolle spielen Hilfsmittel in der pädiatrischen Physiotherapie?
Hilfsmittel spielen eine zentrale Rolle, um die Entwicklung zu unterstützen, Fehlhaltungen vorzubeugen, Mobilität zu ermöglichen und die Teilnahme am Alltag zu erleichtern. Dazu gehören beispielsweise Orthesen bei Fußfehlstellungen, Paulik-Bandagen oder Tübinger Schienen bei Hüftdysplasie, Therapiestühle und Sitzversorgungen bei Rumpfinstabilität (z.B. bei Trisomie 21 oder Zerebralparese) oder Gehhilfen. Die Auswahl und Anpassung der Hilfsmittel erfolgt immer individuell und in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und Orthopädietechnikern.