TL;DR: Vollformen und Verschmelzungen in der deutschen Grammatik
Die Studie zu Vollformen und Verschmelzungen in der deutschen Grammatik zeigt, dass L2-Lerner (Nichtmuttersprachler) eine starke Tendenz zur Übergeneralisierung von Verschmelzungen haben. Sie verwenden Verschmelzungen oft dort, wo Vollformen obligatorisch wären, und haben besondere Schwierigkeiten beim korrekten Gebrauch von Vollformen in phorischen Kontexten. Ursachen sind oft unzureichende oder sogar falsche Behandlung des Themas im Deutschunterricht und in Lehrwerken.
Deutsche Grammatik: Vollformen und Verschmelzungen verstehen
Die korrekte Verwendung von Vollformen und Verschmelzungen ist ein oft unterschätzter, aber wesentlicher Aspekt der deutschen Grammatik. Für viele Deutschlernende (L2-Lerner) stellt dieses Phänomen eine erhebliche Herausforderung dar. Doch auch Muttersprachler zeigen bisweilen Unsicherheiten, wenn auch in geringerem Maße.
Dieser Artikel beleuchtet die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, die sich mit dem Gebrauch dieser Formen bei Muttersprachlern und Nichtmuttersprachlern auseinandersetzt. Wir zeigen auf, wo die größten Schwierigkeiten liegen und welche Ursachen dafür verantwortlich sind.
Analyse der Fehlerquellen bei L2-Lernern
Nichtmuttersprachliche Lerner zeigen im Umgang mit Vollformen und Verschmelzungen spezifische Fehlerprofile. Laut dem Fragebogen „Freie Wahl“ gaben L2-Lerner in ca. 45 % der Fälle andere als die vorgesehenen Antworten an, was deutlich häufiger ist als bei Muttersprachlern.
Übergeneralisierung von Verschmelzungen
Eine deutliche Tendenz bei L2-Lernern ist die Übergeneralisierung von Verschmelzungsformen. In Kontexten, in denen eine Verschmelzung zu erwarten war, verwendeten Lerner eine Vollform nur in weniger als 1 % der Fälle. Umgekehrt trugen die Lerner in Kontexten, in denen eine Vollform zu erwarten war, trotzdem vorwiegend eine Verschmelzung ein.
Das Verhältnis der Antworten in dieser Kategorie betrug 40 Vollformen (28,0 %) zu 103 Verschmelzungen (72 %). Bei Muttersprachlern war dieses Verhältnis genau umgekehrt, was die Schwierigkeit für L2-Lerner verdeutlicht.
Ergebnisse aus dem „Ratings“-Fragebogen: Eine Zusammenfassung
Ähnliche, wenn auch weniger ausgeprägte Muster, zeigten sich im Fragebogen „Ratings“:
- Vollform erwartet: Nichtmuttersprachler wählten die Vollform zu 69,35 % (194), entschieden sich aber in fast einem Drittel der Fälle (29,7 %) für eine Verschmelzung. Bemerkenswert ist, dass sie sich ihrer Antwort in den allermeisten dieser Fälle sicher waren (26,4 %).
- Verschmelzung erwartet: Lerner kreuzten in mehr als 86 % (277) eine Verschmelzung an. Im Gegensatz zu Muttersprachlern wählten sie aber in fast 13 % (41) der Antworten in dieser Kategorie eine Vollform.
Deiktischer versus phorischer Gebrauch: Eine Herausforderung
Größere Schwierigkeiten beim korrekten Gebrauch der Vollformen waren bei L2-Lernern in phorischen Kontexten als in deiktischen Kontexten zu beobachten. Dies war besonders ausgeprägt im Fragebogen „Freie Wahl“:
- Deiktischer Gebrauch: Lerner verwendeten die Vollform (20 %) und die Verschmelzungsform (24,3 %) ungefähr gleich häufig.
- Phorischer Gebrauch: Lerner zogen die Verschmelzungsform (49,3 %) der Vollform deutlich vor (nur 8,6 %). Dies deutet auf eine Unsicherheit im Umgang mit Referenzbeziehungen hin.
Verletzung von Grammatikregeln
Die Studie identifizierte auch, welche Regeln L2-Lerner am häufigsten verletzen:
- Am seltensten wurden Regel (5) – innerhalb von festen Wendungen – und Regel (7) – bei generischer Verwendung der Substantive – verletzt.
- Die meisten Fehler traten bei Regel (1) – vor substantivierten Infinitiven und Adjektiven – auf.
Wie Muttersprachler Vollformen und Verschmelzungen verwenden
Muttersprachler zeigen eine wesentlich höhere Sicherheit im Umgang mit Vollformen und Verschmelzungen, wenngleich auch bei ihnen eine leichte Tendenz zur Übergeneralisierung von Verschmelzungen beobachtet werden kann. Bei erwarteten Verschmelzungen gaben Muttersprachler in beiden Fragebögen so gut wie immer korrekte Antworten, indem sie in weniger als 1 % der Fälle eine Vollform verwendeten.
Im Fragebogen „Ratings“ zeigte sich ein Unterschied in der Sicherheit bei deiktischen und phorischen Kontexten:
- Deiktischer Gebrauch: Muttersprachler waren sich in 90,7 % (88) ihrer Antwort sicher, wenn es sich um deiktischen Gebrauch handelt.
- Phorischer Gebrauch: Hier waren nur 77,2 % (78) der Muttersprachler sicher. 22,3 % (23) waren sich unsicher, hielten die Vollform aber für eine bessere Antwort als die Verschmelzung.
Ursachen für Schwierigkeiten: Unterricht und Lehrmaterialien
Die Untersuchung der Probanden zum Deutschunterricht liefert wichtige Erklärungen für die beobachteten Schwierigkeiten:
- Fehlende oder unzureichende Behandlung: Laut den meisten Probanden wurde das Thema im Deutschunterricht entweder gar nicht behandelt oder beschränkte sich auf die morphologischen Aspekte (wie die Formen gebildet werden).
- Fokus auf Formbildung: Übungen waren ebenfalls primär auf die Formbildung ausgerichtet.
- Vernachlässigung semantischer Unterschiede: Eine Behandlung semantischer Unterschiede zwischen Vollformen und Verschmelzungsformen wurde nur von wenigen Probanden berichtet.
- Eingeschränktes Regelwissen: Bekannte Regeln beschränkten sich meist auf den Unterschied zwischen bestimmten/unbestimmten Objekten/Personen und die Rolle der Betonung des Artikels.
- Falsche Informationen: Einige Lerner wurden falsch informiert, z.B. „Manche Verschmelzungen haben eine eigene Bedeutung, aber im Allgemeinen haben Verschmelzungsformen und die Vollformen die gleiche Bedeutung“, oder „Es gibt keine Regel dazu. Beide Formen sind immer gültig.“
Lehrwerkanalyse: "Berliner Platz", "Themen aktuell", "Lagune"
Eine Analyse ausgewählter Lehrwerke bestätigt die Angaben der Probanden:
- Keine expliziten Regeln: In keinem der untersuchten Lehrwerke (Berliner Platz, Themen aktuell, Lagune) lassen sich explizite Regeln zur Verwendung von Verschmelzungs- vs. Vollformen oder spezifische Übungen dazu finden.
- Formvermittlung: Die Zusammensetzung von Verschmelzungen wird meist im Anfängerteil in kleinen Kästen angezeigt. Die Vermittlung erfolgt oft durch Hör- oder Dialogübungen, bei denen Lerner vorgefertigte Sätze wie „Ich gehe zur Schule“ erwerben.
- Mangelnde Vertiefung: Später wird auf das Thema nicht mehr eingegangen.
Fazit und Handlungsempfehlungen für Deutschlerner und Lehrende
Die Studie der Universität Leipzig verdeutlicht, dass Verschmelzungen in der deutschen Grammatik ein Thema sind, das L2-Lernern erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Dieses Thema wird im Unterricht und in Lehrwerken bisher jedoch oft unterschätzt.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass eine Sensibilisierung der Lerner für dieses Thema wünschenswert ist. Eine tiefergehende Auseinandersetzung sowohl im Unterricht als auch in Lehrwerken, die über die reine Formbildung hinausgeht und auch semantische und kontextuelle Aspekte berücksichtigt, lässt größere Erfolge beim Spracherwerb erwarten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur deutschen Grammatik: Vollformen und Verschmelzungen
Warum haben L2-Lerner Schwierigkeiten mit Vollformen und Verschmelzungen?
L2-Lerner neigen zur Übergeneralisierung von Verschmelzungen und verwenden diese oft, wo Vollformen nötig wären. Dies liegt unter anderem an einer unzureichenden oder falschen Behandlung des Themas im Deutschunterricht und dem Fokus auf morphologische Aspekte statt auf die semantischen und kontextuellen Unterschiede.
Wie wird das Thema in deutschen Lehrwerken behandelt?
Die Analyse gängiger Lehrwerke wie „Berliner Platz“, „Themen aktuell“ und „Lagune“ zeigt, dass explizite Regeln zur Verwendung von Vollformen und Verschmelzungen sowie spezifische Übungen dazu fehlen. Das Thema wird meist nur kurz für Anfänger behandelt und später nicht mehr vertieft.
Was ist der Unterschied im Gebrauch in deiktischen und phorischen Kontexten?
L2-Lerner haben insbesondere in phorischen Kontexten größere Schwierigkeiten, Vollformen korrekt zu verwenden. Während sie in deiktischen Kontexten Voll- und Verschmelzungsformen ungefähr gleich häufig nutzen, bevorzugen sie in phorischen Kontexten die Verschmelzungsform deutlich, selbst wenn eine Vollform erwartet wird.
Sind Vollformen und Verschmelzungen immer austauschbar?
Nein, entgegen der Annahme einiger Lerner sind Vollformen und Verschmelzungen nicht immer austauschbar oder Synonyme. Es gibt spezifische Regeln für ihren obligatorischen Gebrauch, und ihre Missachtung führt zu Fehlern, insbesondere beim Gebrauch vor substantivierten Infinitiven und Adjektiven.